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Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Warum handeln Menschen böse, auch wenn sie das Gute wollen? – Ein Streifzug durch die Religions- und Philosophiegeschichte

Am 27. Januar jährt sich einmal mehr der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Auch knapp 80 Jahre nach der Schoah lassen die Geschehnisse uns angesichts Ihrer Brutalität und lebensverachtenden Monstrosität sprachlos zurück. Philosophie und Religion tun sich bis heute mit dem Verstehen der Ereignisse schwer, dabei ist die Frage, woher eigentlich das Böse im Menschen kommt, eine der ältesten von Religion und Philosophie.

Antike Grundlagen

Bereits in der Antike haben sich Philosophen und Religionen intensiv mit dem grundsätzlichen Problem des Bösen beschäftigt. Für die antike Religion der Manichäer etwa war klar, dass in der gegenwärtigen Welt zwei in etwa gleichwertige und gleichursprüngliche Prinzipien wirken, die das menschliche Leben bestimmen: Licht und Finsternis. Sie nahmen an, dass alles Materielle zum Reich der Finsternis und alles Geistige zum Reich des Lichts gehöre und dass in der Gegenwart Gutes und Böses miteinander vermischt sei.

Daher sei es die Aufgabe des Menschen, daran zu arbeiten, die Licht- und Finsternisanteile in der Welt voneinander zu trennen, um nicht mehr vom Bösen beherrscht zu werden. Die Manichäer entwickelten zur Erreichung dieses Ziels sehr strenge Verhaltensregeln für ihre Mitglieder. Sie vertraten mit ihrer Lehre einen klassischen metaphysischen Dualismus im Hinblick auf die Herkunft von Gut und Böse.

Eine dualistische Erklärung ist nicht ausreichend

Genau dieser Dualismus erschien schon einigen antiken Denkern äußerst problematisch: Ist das Gute nicht ursprünglicher als das Böse? Ist das Böse dem Guten nicht ganz unterzuordnen? Der Philosoph Plotin war deshalb im dritten Jahrhundert nach Christus der Meinung, dass alles, was existiert, und somit auch der Mensch und sein Handeln, vom obersten Prinzip des Guten ausgehe und damit nicht an sich böse sein könne. Dort, wo Böses geschehe, handele es sich um einen Mangelzustand, um eine Abwesenheit bzw. einen Mangel des Guten.

Unde malum? Judentum und Christentum und das Böse

Auch die antiken Religionen Judentum und Christentum taten sich schwer damit, im Bösen ein grundsätzliches, die Welt gestaltendes Prinzip zu sehen, sondern sie ordnen es bis heute dem Guten klar unter. Da Gott das Gute schlechthin sowie der Schöpfer von allem sei, sei auch die Schöpfung an sich gut. Das Schlechte im Menschen entspringe vielmehr seinem eigenen Willen. Nach jüdischer Vorstellung wird der Mensch schuldfrei geboren, kann aber im Laufe seines Lebens böse werden. Anders hingegen sahen christliche Denker wie Augustinus den Urgrund für das Böse im Menschen in der Ursünde, die er im Paradies in freier Entscheidung begangen habe, und die sich fortlaufend durch alle Generationen hin vererbe: Da nach dieser Vorstellung der Mensch immer schon ein Sünder ist, neige er auch zur bösen Tat und könne nicht aus sich allein immer und in jeder Situation gut handeln.

Bereits in der Antike also wurde die Verantwortung für das Böse schon beim Menschen selbst gesehen. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte und insbesondere mit Beginn der Neuzeit wurde dieser Erklärungsansatz vertieft.

Und wieder Kant… – Das radikal Böse

Insbesondere Immanuel Kant beschäftigte sich Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Aufsatz „Über das radikal Böse in der menschlichen Natur“ mit der Frage nach dem Bösen im Menschen. Da Kant grundsätzlich der Überzeugung war, dass der Mensch dank seiner Vernunftbegabung eigentlich immer das Gute einsehen und mithilfe des guten Willens auch tun könne, musste er klären, wie trotz dieser Anlage zum Guten das Böse für den Menschen möglich ist. Er kam zu dem Schluss, dass der Hang zum Bösen ebenso wie die Anlage zum Guten tief im menschlichen Freiheitsvermögen liegt. Der Mensch kann sich jederzeit zur bösen Tat entscheiden. Gerade weil der Mensch diesen Hang zum Bösen grundsätzlich als Merkmal seiner Gattung besitzt, bezeichnet er dieses Vermögen als das „radikal Böse“. Dennoch war Kant letztlich im Hinblick auf den Hang zum Bösen Optimist und ging davon aus, dass Menschen sich eigentlich immer für das Gute entscheiden würden, sofern sie von ihrer Vernunft Gebrauch machten und den Kategorischen Imperativ befolgten.

Hannah Arendt: Gedankenlosigkeit als Ursache des Übels

Ob Kant zum gleichen optimistischen Schluss gekommen wäre, wenn er im 20. Jahrhundert gelebt hätte, kann natürlich nicht sicher beantwortet werden; die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte lagen noch außerhalb seiner Vorstellungskraft. Und genau an diesem Punkt hakt im 20. Jahrhundert die jüdische Philosophin Hanna Arendt (hier findet ihr einen Steckbrief zu der Philosophin) ein, die sich angesichts der Schrecken des Krieges und des Verbrechens des Holocaust die Frage stellte, wie Menschen zu solch schlimmen Taten fähig seien. Einschneidend war für sie insbesondere das Jahr 1961, in dem sie als Beobachterin für das Magazin „The New Yorker“ am Prozess gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem teilnahm. Eichmann, der vor allem als Organisator im Reichssicherheitshauptamt mit der Deportation von Millionen von Juden befasst war, berief sich im Prozess darauf, bei seiner Aufgabe vernünftig agiert zu haben. Auch wenn Eichmann für Arendt einen pervertierten Vernunftbegriff gebrauchte, stand für sie fest, dass die menschliche Vernunft allein vom bösen Handeln nicht abhalten kann.

Sie tat sich ebenfalls schwer damit, in Eichmanns Handeln abgrundtiefe Boshaftigkeit zu erkennen. Eichmann agierte in ihren Augen wie ein bornierter Verwaltungsbeamter, dem es vor allem darauf ankam, seine Aufgabe regelkonform auszufüllen, und der dabei wenig über sein Handeln und dessen Folgen nachdachte. Arendt kam zu dem Schluss, dass es genau die Gedankenlosigkeit, mit der Menschen handeln, ist, welche die schlimmsten und Menschen verachtenden Folgen haben kann. Deswegen schien ihr das Böse in Eichmann eigentlich ziemlich banal zu sein. Dieses banale Böse entstehe, weil Menschen ihre moralischen Gefühle, ihr moralisches Urteilsvermögen in sich zum Schweigen bringen. Der Mensch ist erst durch dieses innere Gespräch mit sich selbst eine Person, böse wird er, wenn er aufhört, eine Person zu sein, wenn er aufhört, zu urteilen. Stärker als vorhergehende Denker betont Arendt also, dass es Denken und Urteilen sind und es weniger das Gewissen ist, mit deren Hilfe der Mensch dem Bösen in sich und der Welt begegnen kann. Die Stärkung der Urteilskraft gegenüber der Gedankenlosigkeit ist demnach die größte Chance, böse Taten im Kleinen wie auch im Monströsen nicht aufkommen zu lassen.

Grenzen der Philosophie

Auch wenn einige prominente Erklärungen seitens der Philosophie existieren, die der Frage nachgehen, woher das Böse im Menschen kommt, bleibt offen, ob sie für sich genommen das Phänomen des Bösen hinreichend erklären. Welche sozialen und psychischen Dispositionen es sind, die uns davon abhalten, uns unserer Vernunft zu bedienen oder im Sinne Arendts das Gespräch mit uns selbst zu suchen, sind Fragen, die sich ohne sozialwissenschaftliche und psychologische Erkenntnisse wohl nicht umfassend beantworten lassen.

Habt ihr in eurem Religions- oder Ethikunterricht schon einmal die Frage erörtert, warum eigentlich Menschen unmoralisch handeln?

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Über den Autor

Dr. Peter Ley

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