Was ist ein Gedankenexperiment?
„Mit ‚Gedankenexperiment‘ ist eine Wissenschaftsmethode gemeint, die man in Gedanken ausführt. Bei der Durchführung eines Gedankenexperiments braucht man sich nicht aus dem Lehnstuhl zu erheben, um in die Welt hineinzuschauen oder ein reales Messgerät zu bedienen. Zugleich ist mit ‚Gedankenexperiment‘ aber auch eine Art von Experiment gemeint: Es bereichert unser Wissen und lässt uns also etwas entdecken, was wir vorher noch nicht wussten.“1
Gerade in dieser Funktion der Entdeckung neuen Wissens eröffnen Gedankenexperimente neue Erkenntnisse für Lernende. Kontrafaktisches, also eine nur in den Gedanken existierende Situation, etwas Irreales, hilft dabei, den eigenen Horizont zu erweitern und Erkenntnisse zu gewinnen – z. B. über Erkenntnistheorie anhand des „Gehirns im Tank“ nach Hilary Putnam.
Warum gehören Gedankenexperimente in den Ethik-/Philosophieunterricht?
Gerade Kinder, aber auch Jugendliche können sich weitaus besser, schneller und zielstrebiger auf Gedankenexperimente einlassen, da sie nicht, wie die Erwachsenenwelt, vollständig auf das Faktische fixiert sind. Darin liegt gerade die auflockernde, motivationale, aber auch zu tieferen Erkenntnissen gelangende Möglichkeit für den Unterricht begründet, die Urteilskompetenz der Lernenden zu schulen und zu erweitern. Somit gilt das Gedankenexperiment als „essentielles Instrumentarium“2 innerhalb des Ethik- und Philosophieunterrichts, um problemorientiert zu neuen, vertieften Erkenntnissen philosophischer Themen zu gelangen.
Häufig stoßen sich Jugendliche zunächst an den hypothetischen Gegebenheiten und definieren Teile der Situation für sich detailliert aus, bevor sie dazu übergehen, mögliche Lösungswege zu bestreiten. Dieser Prozess der intensiven Auseinandersetzung führt zu einem tieferen Verständnis der erarbeiteten philosophischen Inhalte und erweitert damit die Fähigkeit zum Philosophieren der Lernenden.
Wie bzw. wo lassen sich Gedankenexperimente im Unterricht einsetzen?
Gedankenexperimente lassen sich beinahe allen klassischen Unterrichtsphasen einsetzen. Als Einstieg kann ein Gedankenexperiment dazu dienen, Vorwissen zu aktivieren, einen kreativen Gedankenimpuls zu liefern, um in ein Gespräch einsteigen zu können etc. Besonders gewinnbringend für die Unterrichtsgestaltung ist die Auswahl dann, wenn das Gedankenexperiment in der Folge als Erarbeitungsmaterial dient und eine weitergehende Auseinandersetzung mit den Inhalten geschieht.
Auch in einer Erarbeitungsphase kann ein Gedankenexperiment als Text-, Video-3 und/oder Beschäftigungsgrundlage des Unterrichtsgegenstandes dienen. Aus der Auseinandersetzung mit derartigen Texten ergeben sich häufig tiefergehende Diskussionen im Unterrichtsgeschehen. Auch kreativere Anwendungsmethoden wie z. B. das Umgestalten eines Gedankenexperiments in einen Comic sind möglich.
Im letzten Unterrichtsbereich, der Vertiefung oder Transfer, kann ein Gedankenexperiment bereits Gelerntes weiter sichern und verinnerlichen oder aber einen Ausblick auf die Folgethemen geben, einen größeren Interpretationsrahmen ermöglichen etc.
Ein vertiefter Zugang: eigene Gedankenexperimente gestalten
Nach dem Ansatz von Helmut Engels, der häufig im Unterrichtsgeschehen Anwendung findet, sind fünf Aufbauschritte eines Gedankenexperiments anzusetzen:
- Kontext
- Versuchsanordnung
- Versuchsanleitung
- Das eigentliche Experiment
- Offenes Ende
Engels lehnt sich hierbei sehr stark an den Aufbau von naturwissenschaftlichen Experimenten an und eröffnet somit die methodische Parallele für den Ethik- und Philosophieunterricht.4
Wie nun aber kann diese Methode im Unterricht sinnvolle Anwendung finden?5
Um einen gewinnbringenden Lernerfolg zu gewährleisten, sollten für die Erstellung eines eigenen Gedankenexperiments mehrere Unterrichtsstunden als Projekt oder Lernaufgabe anberaumt werden. Außerdem empfiehlt es sich, das erarbeitete Gedankenexperiment zu bewerten, um die notwendig gebotene Ernsthaftigkeit in der Gestaltung bei den Jugendlichen zu evozieren.
Bevor die Jugendlichen ihr eigenes Gedankenexperiment gestalten, sollte das Verfahren zur Entschlüsselung von Gedankenexperimenten eingeübt und verinnerlicht worden sein.
- Es sollten die Arbeitsgruppen (zwei bis maximal drei Lernende) eingeteilt werden.
- Als Nächstes wird das Thema dem Unterrichtsgegenstand gemäß angepasst zugewiesen: Dieser kann durch einen Begriff, ein Zitat oder aber über Bilder gelingen. Einige Beispiele zu geeigneten Bildern oder Stichworten unterschiedlicher Themen sind in einer Kopiervorlage (zum Download unter diesem Beitrag) beigegeben.
- Die Erstellung des Gedankenexperiments sollte in einem ersten Schritt schriftlich geschehen und den fünf Schritten nach Engels gemäß ausgeführt werden. Sollten Sie hierzu genauere Informationen suchen, empfehle ich Ihnen direkt bei Engels nachzulesen.6 Für geübtere Experimentatorinnen und Experimentatoren können auch filmische Umsetzungen oder Hörspiele angedacht werden. Hierbei muss jedoch unbedingt auf das Urheberrecht hingewiesen und es sollten geeignete Apps samt Material eingeführt werden.
- Nach der Fertigstellung der Gedankenexperimente werden diese im Plenum vorgestellt und gemeinsam besprochen. Auch eine Ethikgruppensammlung in Form eines (digitalen) Buches eigener Gedankenexperimente ist möglich.
- Abschließend sollte eine Reflexionsrunde zum Entstehungs- und Auswertungsprozess stattfinden:
– Gab es besondere und immer gleich auftretende Schwierigkeiten bei der Erstellung?
– Ist eine thematische Zuordnung des Gedankenexperiments ins Unterrichtsgeschehens möglich?
– Ist eine nachvollziehbare Auswertung des gestalteten Gedankenexperiments möglich?
– Verarbeitet das Gedankenexperiment die Vorgabe?
– Können andere, bereits existierende Gedankenexperimente mit dem eigenen in Verbindung gebracht werden?– etc.
Welche Erfahrungen habt ihr mit Gedankenexperimenten im Unterricht gemacht? Helfen sie euch dabei, philosophische Themen genauer zu erschließen oder mögt ihr es, selbst gestalterisch tätig zu werden?
1 Ulrich Kühne: Die Methode des Gedankenexperiments, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2005, S. 9.
2 Martina Peters/Jörg Peters: Der Einsatz von Gedankenexperimenten im Philosophie- und Ethikunterricht. In: dies. (Hg.): Philosophieren mit Gedankenexperimenten. Methoden im Philosophie- und Ethikunterricht, Felix Meiner Verlag: Hamburg 2020, S. 7-12, hier S. 7.
3 Animierte Gedankenexperimente finden sich hier: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/filosofix (zuletzt aufgerufen am 9. Mai 2023).
4 Peters/Peters: Einsatz, S. 9f. Eine genaue Auflistung, wie Engels die Parallelen aufzeigt, werden in Tabellenform auf diesen Seiten deutlich.
5 Vgl. Leben leben 10 Bayern, Kapitel 1 – Ursprünge des Philosophierens, S. 19f
6 Helmut Engels: Gedankenexperimente. In: Julian Nida-Rümelin/Irina Spiegel/Markus Tiedemann (Hg.): Handbuch Philosophie und Ethik. Band I: Didaktik und Methodik, Paderborn 2015, S. 187-196, hier S. 194f. Alternativ können Sie auch den Code 99g3pv im Suchfeld unter klett.de zu Leben leben 10 Bayern nutzen (Das Gedankenexperiment. b) Wie baue ich ein Gedankenexperiment auf?).








Sehr gut gemacht!