Intersex Awareness Day – Was ist das?
Beim Thema „Intergeschlechtlichkeit“ (engl. „intersex“) geht es um das biologische Geschlecht einer Person. Zum biologischen Geschlecht gehören laut der Bundeszentrale für politische Bildung „alle körperlichen und geschlechtsspezifischen Merkmale“1. Mehrere Aspekte wie der Chromosomensatz einer Person, die inneren und äußeren Geschlechtsorgane und die produzierten Hormone bestimmen das biologische Geschlecht eines Menschen. Der Chromosomensatz steht mit der Befruchtung der Eizelle fest, während sich andere Geschlechtsmerkmale im Laufe des Heranwachsens im Mutterleib entwickeln, indem sich bestimmte Geschlechtsmerkmale aus- und andere zurückbilden.
Intergeschlechtliche Personen sind Menschen, die – nach der binären Definition der Geschlechter – sowohl weibliche als auch männliche biologische Merkmale haben. Eine intergeschlechtliche Person kann bspw. einen XY-Chromosomensatz besitzen und äußerliche Geschlechtsorgane, die als „weiblich“ klassifiziert werden. Die Zahlen, wie viele Menschen intergeschlechtlich sind, variieren stark. Den Vereinten Nationen zufolge sind bis zu 1,7% aller Menschen intergeschlechtlich2, in Deutschland wird von einem Anteil von 0,02% bis 1,7% ausgegangen.3
Den Intersex Awareness Day gibt es seit dem Jahr 2004. Er geht auf eine Demonstration vom 26.10.1996 gegen Operationen intergeschlechtlicher Kinder mit dem Zweck der Angleichung des Geschlechts ohne das Einverständnis des Kindes zurück.4
Eine Operation, die allein die Anpassung von Geschlechtsmerkmalen zum Ziel hat, ist medizinisch nicht für das Überleben einer Person notwendig. Dennoch wurden solche Operationen lange Zeit auch in Deutschland durchgeführt, oft bereits im Kleinkindalter, also ohne dass die Kinder selbst über eine Operation oder ihr Geschlecht entscheiden konnten. Inzwischen ist diese Art der Operation von den Vereinten Nationen als Menschenrechtsverletzung eingestuft worden und in Deutschland seit 2021 gesetzlich verboten.5 Derartige Operationen hatten bzw. haben oft schwerwiegende Folgen für die Betroffenen. Viele müssen ihr Leben lang Hormone nehmen. Das kann dann der Fall sein, wenn ihnen Geschlechtsorgane entfernt werden, die für die Hormonproduktion zuständig sind. Außerdem führen die Operationen teilweise zu Unfruchtbarkeit.
Ein Aspekt, der den Alltag intergeschlechtlicher Personen betreffen kann, ist die mangelnde Kenntnis vieler Menschen darüber, was Intergeschlechtlichkeit ist. Oft wird diese z. B. mit Transgeschlechtlichkeit verwechselt. Intergeschlechtlichkeit bezieht sich jedoch nicht darauf, welchem Geschlecht sich eine Person zugehörig fühlt. Diese mangelnde Kenntnis kann z. B. dazu führen, dass unpassende Fragen gestellt werden, intergeschlechtliche Menschen beleidigt werden oder sie wegen der Befürchtung vor Unverständnis und Intoleranz über ihre Geschlechtlichkeit schweigen.
Um einen Eindruck davon zu bekommen, was es für Menschen bedeuten kann, intersexuell zu sein, könnt ihr euch dieses Video ansehen.
1 www.bpb.de (Stand: 09.10.2025); 2 www.antidiskriminierungsstelle.de (Stand: 01.10.2025); 3 inter-nrw.de/was-ist-intergeschlechtlichkeit (Stand: 01.10.2025); 4 www.bpb.de (Stand: 25.09.2025); 5 www.lsvd.de (Stand: 01.10.2025)
Intersex Awareness Day – Warum im Unterricht?
Wenn im Unterricht Geschlechtlichkeit thematisiert wird, wird im Hinblick auf das Geschlecht oft binär zwischen „weiblich“ und „männlich“ unterschieden und damit die Lebensrealität einiger Personen nicht einbezogen. Wird z. B. die Schöpfung behandelt, ist oftmals selbstverständlich von „Mann und Frau“ die Rede, wie es der Wortlaut vieler Bibelübersetzungen nahelegt.
Mit der Thematisierung von Intergeschlechtlichkeit kann euer Unterricht um eine neue Dimension erweitert werden und alle Geschlechter einschließen.
Außerdem können sicher viele eurer Lernenden den Begriff „Intergeschlechtlichkeit“ nicht einordnen. Die richtige Einordnung ist aber unverzichtbar, damit eure Lernenden gesellschaftliche Diskussionen fachlich fundiert verfolgen und daran teilhaben können. Auf diese Weise kann es für intergeschlechtliche Personen im schulischen Kontext auch leichter sein, über ihre Geschlechtlichkeit zu reden, falls sie das möchten.
Tipp: Zum Umgang mit dem Thema „Intergeschlechtlichkeit“ im Kontext pädagogischer Arbeit könnt ihr euch diese Liste mit Dos und Don’ts, zusammengestellt von der Ruhr-Universität Bochum und gefördert vom Land NRW, ansehen.
Intersex Awareness Day – Ein beispielhafter Exkurs (maximal 10 Minuten)
Nutzt gerne diesen Exkurs, damit eure Lernenden erfahren, was es mit dem Intersex Awareness Day auf sich hat, und den Begriff der Intergeschlechtlichkeit kennenlernen und einordnen können.
Seht euch zur Begriffsdefinition mit euren Lernenden den Ausschnitt dieses Videos (Minute 1:43 bis 2:46) an.
Führt im Anschluss dieses Quiz durch, wobei hier nicht nur Inhalte des Videos beinhaltet sind. Diskutiert mit euren Lernenden zum Schluss den Videoausschnitt und die Inhalte des Quiz.
Intersex Awareness Day – Ein beispielhafter Unterrichtsverlauf einer Einzelstunde
In dieser Stunde, empfohlen für die Oberstufe, wird das Thema der Intergeschlechtlichkeit separat von Themen wie geschlechtlicher Identifikation und sexueller Orientierung behandelt. Grund dafür ist, dass Intergeschlechtlichkeit häufig mit diesen Themen vermischt wird. Unterscheidung ist aber notwendig, um differenziert über Thematiken sprechen zu können.
Achtung: In diesem beispielhaften Unterrichtsverlauf wird davon ausgegangen, dass von keiner Person eurer Lerngruppe bekannt ist, dass sie intergeschlechtlich ist. Falls das bei eurer Lerngruppe anders ist, könnt ihr ggf. den Unterrichtsverlauf anpassen und die intergeschlechtliche Person evtl. anders einbinden.
Einstieg
In einem Cluster wird gesammelt, in welchen Bereichen im Alltag das (biologische) Geschlecht eine Rolle spielt. Es ist davon auszugehen, dass die Lernenden an dieser Stelle zunächst die Geschlechter „weiblich“ und „männlich“ benennen.
Erarbeitung
Die Lernenden notieren, was sie mit dem Begriff „Intergeschlechtlichkeit“ verbinden (KV, A1). Im Anschluss erarbeiten sie eine Begriffsdefinition zum Begriff der Intergeschlechtlichkeit, indem sie entweder recherchieren oder ihr den Videoausschnitt des Exkurses nutzt (KV, A2). Die Definition wird im Plenum besprochen.
Die Lernenden reflektieren daraufhin, ihrer Assoziationen aus A1 (KV, A3a). In Zweier- oder Dreiergruppen vergleichen sie ihre Reflektion (KV, A3b). Abschließend diskutieren die Lernenden in ihren Gruppen, was ihre unpassenden Assoziationen für intergeschlechtliche Personen, die mit ihnen in Kontakt stünden, bedeuten könnten (KV, A3c).
Sicherung
Im Plenum wird erörtert, inwiefern die zu Beginn der Stunde gesammelten Bereiche des Alltags, in denen das Geschlecht eine Rolle spielt, auch für intergeschlechtliche Menschen ausgelegt sind. Die Lernenden erarbeiten Vorschläge, wie Intergeschlechtlichkeit in verschiedene Bereiche eingebunden werden kann, in denen sie aktuell noch nicht oder nicht vollständig berücksichtigt ist (KV, A4) und beziehen hierzu die Ergebnisse ihrer vorherigen Diskussionen (KV, A3c) mit ein.
Vertiefung (optional)
Die Jugendlichen lernen mithilfe eines Videos die intergeschlechtliche Person, Audrey, kennen. Achtung: Bei diesem Video war die Rechtslage zu Operationen intergeschlechtlicher Personen in Deutschland eine andere als heute. Darauf sollte hingewiesen werden.
Die Lernenden beziehen Stellung zu einem Aspekt des Videos (z. B. die Operation Audreys, Audreys angesprochene Vereinsgründung und ihren YouTube-Kanal oder die Aussage der im Video erwähnten Endokrinologin zur Abtreibung), indem sie das Video mittels eines fiktiven Social-Media-Posts kommentieren oder einen Brief an Audrey zu dem gewählten Aspekt schreiben.
Transfer (optional)
Die Lernenden werden dazu aufgerufen, sich in die Lage einer intergeschlechtlichen Person hineinzuversetzen. Hierzu kann folgende Aufgabe gestellt werden:
„Versetze dich in die Lage einer intergeschlechtlichen Person. Nimm begründet Stellung dazu, welchen Personen aus deinem Umfeld du von deiner Intergeschlechtlichkeit erzählen würdest und welchen nicht.“
Die Antworten der Lernenden können abschließend gemeinsam im Plenum erörtert und diskutiert werden.
Erweitert das Wissen und die Weltsicht eurer Lernenden mit einem abwechslungsreichen Exkurs anlässlich des Intersex Awareness Days!








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