Dass Ostern im schulischen (und selbst auch im kirchlichen!) Religionsunterricht oftmals eine geringe Rolle spielt, liegt an ganz unspektakulären Umständen. Das Schuljahr gliedert sich – Säkularisierung hin oder her – im Wesentlichen immer noch nach den christlichen Hauptfesten, jedenfalls, was die Ferien angeht. Neben den jahreszeitlich benannten Herbst-, Winter- und Sommerferien gibt es unerschütterlich die Weihnachts-, die Oster- und mancherorts auch noch die Pfingstferien. Doch was bedeutet dies für die christlichen Feste selbst?
Es ist doch so: Der Unterricht endet bereits Tage vor dem eigentlichen Fest, an Ostern in vielen Bundesländern eine Woche davor, und beginnt erst wieder, wenn das Fest längst vorbei ist.
Während es noch relativ häufig schulische Weihnachtsfeiern gibt, findet Ostern im Schulleben praktisch nicht statt: In der Woche vor der Karwoche kann man schlecht Ostern feiern und nach dem ersten Sonntag nach Ostern, dem „Weißen Sonntag“ (katholisch: traditioneller Termin für die Erstkommunion), bzw. dem Sonntag „Quasimodogeniti“ (evangelisch) ist der Zug schlicht abgefahren. Nur nebenbei bemerkt: Auch der kirchliche Konfirmandinnen- und Konfirmandenunterricht beginnt vielerorts weit nach Ostern und endet bereits im März. Berücksichtigt und würdigt dann der Unterricht wenigstens Himmelfahrt und Pfingsten angemessen? Wohl auch eher nicht. Deshalb folgen zu diesen beiden Feiertagen meine nächsten beiden Blogbeiträge. Doch nun zu Ostern!
Ein anderes Osterlied
Ostern ist das historisch älteste Fest der Christenheit, theologisch könnte man auch vom Ur-Fest reden. Jeder Sonntag (altmodisch: „Tag des Herrn“, also des auferstanden Christus) erinnert an die Auferstehung Jesu. Ohne die Botschaft der Passion, der Hinrichtung und der Auferstehung Jesu von den Toten gäbe es kein Christentum (vgl. 1. Kor 15,17). Doch gleichzeitig spüren wir: Solche „alten Weisheiten“ und Dogmen nützen wenig, wenn sie nicht durch Erfahrungswissen und Praxis abgesichert sind. Was nützen uns die alten Geschichten, Rituale und Lieder? Wir müssen neue, irgendwie „andere Osterlieder“ singen.
Mit diesem Titel vom „anderen Osterlied“ knüpfe ich einerseits an meinen Beitrag zu Weihnachten an; andererseits leihe ich mir damit den Titel eines beeindruckenden Gedichts des schweizerischen Dichter-Pfarrers Kurt Marti (* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenfalls in Bern), zu dem es in reli plus 3 gute Anregungen gibt; und schließlich: Ich rege an, eines der bekanntesten Weihnachtslieder, nämlich: O du fröhliche … umzudichten in ein Osterlied und damit zu spielen. Zum Einstieg schlage ich vor, nachzudenken über „das größte Fest aller Zeiten“.
Das größte Fest aller Zeiten
Warum brauchen und haben wir Feste?
Feste, so will ich formulieren, sind „Alltagsunterbrechungen mit öffentlichem Einverständnis“. Zu dieser Formulierung führt mich die Beobachtung: Wenn wir feiern, dann „erlauben“ wir uns (und einander) Ausstiege auf Zeit: Wir legen die Arbeit nieder, wir „haben“ oder „nehmen uns frei“; wir konsumieren anders (besonderes Essen; manche zu viel, andere ungesund); wir halten einander frei („du bist eingeladen!“); wir laden einander ein und rechnen nicht ab. Das heißt: Wir unterbrechen beim Feiern die Alltagslogik von Leistung und Gegenleistung – und müssen uns dafür weder rechtfertigen noch darum bitten, denn Feste und Feiern sind „Konvention“, also Usus und Ritus, der sich auf Tradition und Einverständnis verlassen kann. Das macht das Besondere von Festen und Feiern aus: Ich darf mir etwas erlauben, und du gestehst es mir zu. Das unterscheidet das Fest vom Alltag, und darin besteht Einigkeit. Das heißt: Feste sind eingebettet in ein Einverständnis, das wir auch Kultur nennen.
Zwei Sorten von Festen
Nun gibt es in unserem Jahreslauf einerseits solche Feste, die sich unserer gemeinsamen und allgemeinen Kultur, unserem kulturellen Gedächtnis, unserer Kultur- oder Religionsgemeinschaft verdanken, z. B. die christlichen Hochfeste; Karneval; 1250 Jahre Bad Salzungen; Silvester, Schäferlauf, Spargelfest, Weinkönigin … – und es gibt solche Feste, die sich zwar ebenfalls unserer Kultur verdanken, die aber jeweils individuell begangen werden: Geburtstag, Goldene Hochzeit; Taufe, Firmung, Jugendweihe; Schulabschluss, Konfirmation, Namenstag … Beide Kategorien von Festen können höchste Bedeutsamkeit haben: Mein Hochzeitstag, mein schönstes Weihnachten, meine Konfirmation, mein erstes Silvester. Die Kategorie „Bedeutsamkeit“ hat demnach zwei Ebenen: Was ist im jeweiligen Deutungszusammenhang (dem Christentum; der deutschen Geschichte; dem Erwachsenwerden …) bedeutsam? Und: Was bedeutet das Fest für meine eigene Lebensdeutung, mein Selbstverständnis, meine individuelle und persönliche Suche nach Sinn und Erfüllung?
Das größte Fest aller Zeiten
Im christlichen Kontext kursiert die Frage, welches der christlichen Hauptfeste – Weihnachten, Ostern, Pfingsten – eigentlich als das „wichtigste“, das bedeutendste und „größte“ Fest zu gelten habe. Und zwischen den Konfessionen differieren die Antworten: Ist es der Karfreitag (evangelisch), weil dort an die Ungeheuerlichkeit des Todes Gottes zu Gunsten unseres Lebens erinnert – man müsste sogar sagen: in Brot und Wein vergegenwärtigt – wird? Oder Fronleichnam (katholisch), weil da das tiefste Geheimnis des Glaubens bestaunt und verehrt wird, nämlich die Präsenz des Unendlichen und Unbegreiflichen in einer schlichten „Oblate“, eine Hostie aus Mehl und Wasser? Oder ist es Pfingsten (freie christliche, „charismatische“ Gemeinden) mit der Erinnerung an die Ausschüttung des Geistes „über alles Fleisch, […] eure Söhne und Töchter […], über Knechte und Mägde“ (Joel 3)1? Oder doch einfach Weihnachten, weil ohne die Geburt Jesu alles andere nichts wäre?
Historisch und theologisch könnte die Antwort lauten: Ohne das Drama der Passion und das Wunder der Auferstehung Jesu von den Toten wäre seine Lebensgeschichte zwar bemerkenswert, aber bedeutungslos. Alle vier Evangelien, so der große neutestamentliche Exeget des 19. Jahrhunderts Martin Kähler, „sind im Grunde Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung“2. Das heißt umgekehrt, so der pietistische Theologe Friedrich Christoph Oetinger (1702–1782): Alle Evangelien „spirant resurrexionem“3, (zu Deutsch: Alles, was die Evangelien berichten – die Geburt Jesu, sein Reden und sein heilsames Wirken unter den Geschlagenen, Gequälten, Verlorenen, Ausgegrenzten, Verachteten, Kranken, Behinderten …) all das „atmet Auferstehung“. Das heißt, es weist letztlich immer nur hin auf das größte Wunder aller Zeiten: Jesu Sieg über den Tod. Folglich ist das „größte Drama aller Zeiten“4 die Passion Jesu, und das größte Fest aller Zeiten ist Ostern. Doch wie ist es für unsere Schülerinnen und Schüler? Ich schlage vor, mit dieser Frage einzusteigen: Was ist dein größtes Fest aller Zeiten?
Eine Kopiervorlage dazu findet ihr zum Download am Ende des Beitrags.
1Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
2Martin Kähler: Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus. Hrsg. v. Ernst Wolf. Kaiser München 1969, S. 60
3Fr. Chr. Oetingers, Theologia ex idea vitae deducta, Ulm 1765, S. 410: «Omnia Apostolorum verba spirant sensum resurrectionis.»
4Dorothy L. Sayers: Das größte Drama aller Zeiten. 3 Essays u. e. Briefwechsel zwischen Karl Barth u. d. Verf. Hrsg. v. Hinrich Stoevesandt. Theologischer Verlag Zürich 1982
Ein anderes Osterlied (I)
Eines der bekanntesten christlichen Weihnachtslieder ist „O du fröhliche, o du selige …“ (man schreibt das Wort „selig“ tatsächlich nur mit einem „e“, obwohl es sprachgeschichtlich mit der Seele verwandt ist). Der Text des Liedes geht zurück auf Johannes Daniel Falk (* 28. Oktober 1768 in Danzig; † 14. Februar 1826 in Weimar), einen theologisch gebildeten protestantischen Schriftsteller und Publizisten aus Danzig. Zu den erschreckenden Details seiner Lebensgeschichte gehört, dass er im Jahr 1813 vier seiner zehn Kinder an einer Typhuserkrankung verlor und selbst lebensbedrohlich erkrankte. Zu dieser Zeit lebte er in Weimar. Im selben Jahr 1813 fand im Oktober bei Leipzig die sogenannte Völkerschlacht von Leipzig statt. Das war die Entscheidungsschlacht zwischen der Koalition von Russland, Preußen, Österreich und Schweden auf der einen und den französischen Truppen des Napoleon Bonaparte auf der anderen Seite. Napoleons Truppen unterlagen, aber auch bei den Preußen gab es viele Opfer. Falk gründete nach der Schlacht in der Stadt Weimar ein Waisenhaus, das heißt: Er nahm zuerst in der Wohnung der eigenen Familie 30 Kinder auf! Später fand er Platz in größeren Einrichtungen.
Doch nun zum Lied „O du fröhliche …“. Johannes Daniel Falk dichtete das Lied im Jahr 1816 für „seine“ Waisenkinder ursprünglich als ein „Allerdreifeiertagslied“, das heißt: die erste Strophe bezog sich auf Weihnachten, die zweite auf Ostern und die dritte auf Pfingsten. Die Melodie soll von dem katholischen Marienlied „O sanctissima, o piissima virgen Maria – O du heiligste, o du treueste Jungfrau Maria“ aus Sizilien übernommen sein, das erstmals 1792 belegt ist. Die Idee einer oder mehrerer „Osterstrophen“ des bekannten Weihnachtslieds greife ich hier auf.
O du fröhlich, o du selige, gnadenbringende Osterzeit!
Welt liegt in Banden / Christ ist erstanden!
Freue, freue dich, o Christenheit!5
Im Tonfall ähnlich, in der Sprache etwas zeitgemäßer, schlage ich weitere „Osterstrophen“ vor und fordere auf, eigene Osterstrophen zu dichten. Auch dazu gibt’s am Ende des Blogbeitrags ein Kopiervorlage zum kostenlosen Download. Meine Osterstrophen skizzieren den Weg Jesu „von der Krippe zum Galgen“ (Walter Jens), also von der Geburt Jesu an Weihnachten über sein Handeln und Wirken bis zur Passion und zur Auferstehung.
Eine Zusatzaufgabe könnte deshalb lauten:
- Was ist das Besondere an Jesus? Skizziert Höhepunkte im Leben und Handeln Jesu und erfindet Feste zu diesen Höhepunkten: Ein Bergpredigtfest; ein Wunderheilungsfest …
- Welches „Jesus-Fest“ bräuchte es eigentlich nach deiner Meinung?
5O du fröhliche. T: Johannes Daniel Falk (1768-1826)
Ein anderes Osterlied (II)
In keinem einzigen kirchlich-christlichen Osterlied kommen Hasen oder Hühner, Eier oder Nester vor. Christliche Osterlieder meiden jegliche Idylle von Küken und Häschen, von Zucker und Krokant. Sie klären vielmehr auf über den eigentlichen Glaubensgehalt von Ostern: Gott erleidet den Tod um des Lebens willen. Gott konfrontiert diese unmenschliche Welt mit seiner Menschlichkeit. Gott hat den menschlichen Kreislauf von Leben und Tod, von Alltag und Schuld, von Geltungsbedürfnis und Versagen durchbrochen, indem er sich selbst dem Menschsein ausgesetzt hat, und zwar bis zur letzten, ganz und gar unidyllischen, tödlichen Konsequenz. Insofern ist jedes kirchliche Osterlied ein „anderes Osterlied“: ein Lied von der ganz anderen Macht und Bedeutung Gottes, jedes Osterlied ist ein Lied von der befreienden Kraft des Glaubens. So kann man das Gedicht des Schweizer Pfarrers Kurt Marti (* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenda) verstehen, der den Einspruch Gottes gegen den Tod, also seine Auferstehung, als Ermutigung zum Aufstand gegen Unfreiheit, Knechtschaft und Unrecht versteht.
In reli plus 3 gibt es ein Kapitel mit dem Titel „Mensch Jesus!“. Das Ausrufezeichen zeigt an: Es geht um das Besondere an Jesus, nämlich seine Menschlichkeit und den Vorbildcharakter seiner Menschlichkeit. So müsste man Mensch sein! will der Titel sagen. So würde das Zusammenleben gelingen! Und zugleich klingt ein Bedauern, ein Mitleid mit: Mensch Jesus, wie konntest du so schwach, so menschlich sein! Und genau diese Ambivalenz kennzeichnet Ostern: Gott ist menschlich bis in den Tod. Er verzichtet auf alle Macht – und disqualifiziert damit alle menschlichen Machtfantasien. Machtverzicht und Machtkritik ist Gottes Macht. Denn man kann auch sagen: Gottes Macht über den Tod macht jede Macht lächerlich. Das müsste man den „Herren der Welt“ in die Ohren singen! Und genau dies tut Kurt Marti mit seinem Lied: Das könnte den Herren der Welt ja so passen …! Der populäre, viel zu früh verstorbene Musiker und Komponist Peter Janssens (*17. Juni 1934; † 24. Dezember 1998) hat das Gedicht von Kurt Marti vertont. Sein Lied nimmt das Motiv des ältesten Osterlieds, welches unsere kirchlichen Gesangbücher kennen („Christ ist erstanden“, ca. 12. Jh., EG 99), auf und interpretiert auf diese Weise das Thema „ein anderes Osterlied“.
In reli plus 3, S. 91 gibt es den Text des „anderen Osterlieds“ und dazu lohnende differenzierende Aufgaben.
Ein ganz anderes Osterlied (Bonustrack)
„Christe, du Lamm Gottes …“ (Martin Luther 1525, EG 190.2) ist eine alte, traditionelle Liedstrophe, die bis heute fest in der Liturgie des Abendmahls verankert ist. Das Symbol des Lamms stammt aus einem der sog. Lieder über den Gottesknecht Israels (Jes 53), von dem es heißt, er sei um unserer Sünden willen zur Schlachtbank geführt worden; er habe willig gelitten, er tat seinen Mund nicht auf … damit wir Frieden haben. Darin erkannten die frühesten Christen einen Hinweis auf die Passion Jesu, des Gottessohns, des „Lamms Gottes“. Gleichzeitig, aber ganz anders, ist das Lamm ein Symbol, dem alle großen Religionen folgen können: Lammfleisch ist koscher (Judentum) und hallal (Islam); das Lamm ist friedfertig, auch für Menschen ohne religiöse Bindung. Darauf bezieht sich der australische „Day oft he Lamb“, zu dem es ein humorvolles Video auf YouTube gibt: The Australian Lamb Ad 2017. Am Tisch vertreten sind L. Ron Hubbard (Scientology); Thor (Nordische Gottheit); Buddha; Moses für das Judentum; Jesus; Jedi; Alien für die säkulare Wissenschaft; Zeus and Aphrodite; Muhammad (Islam); Ganesha (Elefant; Hinduismus); König Tut (Ägypten); Kami (Japan); Caeser sowie eine Hostess, die für den Atheismus steht.
Ich wünsche euch und euren Lernenden gutes Gelingen mit den anderen Osterliedern!








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