Ein Angebot zur Selbstreflexion von Lehrkräften und zum biografischen Lernen mit Lernenden
Die mythischen Motive von Himmel und Hölle als hoffnungsvolles poetisches Angebot einer befreienden Seelenreise – wie lässt sich dieser Einwurf des Papstes religionspsychologisch mit Gewinn für den Unterricht vertiefen? Wenn wir mit Hilfe des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung (1875-1961) nach einer Antwort suchen, können zugleich die pädagogischen Kompetenzen von uns Lehrenden und unseren Lernenden insofern bereichert werden, als die aktuelle Religionsdidaktik von uns und ihnen gerade die permanente Selbstreflexion mit Blick auf die eigene (Berufs-) Biografie fordert. Die Bilder von „Himmel“ und „Hölle“ erweisen sich dabei als lehrreiche literarische Motive.
Unser Leben als Schauspiel: Persona und Projektion
Die Reise in die Tiefe unseres Selbst bezeichnet C.G. Jung als Individuationsprozess (Selbstwerdung). Es geht darum, sich von jenen Werten und Normen zu befreien, die nicht die eigenen sind, um bewusst zu dem zu kommen, was man eigentlich ist und was authentisch leben lässt. Häufig handeln wir nämlich im Namen anderer Personen (etwa der Eltern oder weiterer Autoritäten) und lassen uns von ihnen beeinflussen. In vielen Fällen passiert dies ganz unbewusst. Um zu überdecken, dass wir eigentlich im Kern unserer Persönlichkeit andere Werte vertreten, setzen wir zudem eine Maske auf, die unser wahres Ich vor der Welt verstecken soll: Wir spielen ihr wie Schauspieler aus Angst vor Ablehnung durch die Bezugspersonen etwas vor. Auch dies geschieht meist unbewusst.
Niemand soll uns durchschauen, unsere Maske (lat.: persona) täuscht die Welt.
Beobachten wir dann noch, dass andere etwas von dem leben, was wir selbst eigentlich auch zu leben wünschen, es aber nicht können oder es uns nicht getrauen, so kritisieren wir sie wütend, beginnen zu lästern und werden sprichwörtlich krank vor Neid. Jung sah in dieser Kritik eine Projektion (dt.: Übertragung). Im Grunde sind wir insgeheim sauer auf uns selbst und auf nicht eingelöste Wünsche, übertragen aber die eigene Unzufriedenheit auf Dritte. Verrenken wir uns jedoch emotional andauernd, ist die Gefahr einer psychosomatischen Erkrankung gegeben. Wer stets sauer auf sich und die Welt ist, darf sich nicht wundern, wenn der Körper mit einem Anstieg der Magensäure und Magenschmerzen reagiert. Die Ursache der Erkrankung liegt im psychischen, nicht im körperlichen Bereich. Will man gesunden, ist eine Reise ins Unbewusste angezeigt.
Die Verdrängung ins Unbewusste: Unser Schatten
„Himmel“ und „Hölle“ als Bilder einer heilvollen Schattenintegration
Und diesen Bereich des Unbewussten nannte Jung den Schatten. Wir alle sind verschattet und bleiben es ein Leben lang ein wenig – selbst bei bester Reflexion. Die Bewusstmachung dieser Verdrängungen von Wünschen und der vielen faulen Kompromisse, die wir aus Angst vor Ablehnung seit Kindertagen eingehen, verfolgt nach Jung das Ziel, ehrlicher, gesünder und friedlicher im Umgang mit sich selbst, Dritten und der Natur leben zu können. Die Schattenreise führt zu mehr Verständnis für das eigene (Fehl-) Verhalten und wandelt die inneren zerstörerischen Kräfte im besten Fall zu einer Energie, die zur Genesung von Körper, Psyche und sozialem Leben genutzt werden kann.
In einem anschaulichen Bild zur apokalyptischen Dichotomie von Christus-Ideal und satanischem Antichristen (vgl. Offb) hielt Jung den Zusammenhang von Verdrängung, Schatten und Selbstwerdung fest, und er griff dabei auf die religiösen Motive von „Himmel“ und „Hölle“ zurück: „Kein Baum, sagt man, wächst in den Himmel, es sei denn, dass seine Wurzeln die Hölle erreichen.“ [2] Kein Mensch, so will er damit ausdrücken, kommt zu seiner vollen Blüte, seinem wahren Selbst (= Himmel), wenn er nicht zuvor die Herkunft seiner oft zerstörerischen Triebkräfte, seines eigenen Schattens (= Hölle) geklärt, sich mit ihm ausgesöhnt und ihn zugunsten friedlicher vitaler Kräfte verringert hat.
Jesus, der Schattentherapeut
Jung erkannte nun auch in den Evangelien-Erzählungen über Jesus, dass dessen Therapien stets die Heilung von Psyche und Körper des Gegenübers umfassten und damit dessen Individuationsprozess beflügelten. Für Jung war damit klar: Was zu Entfremdungen, Verschattungen und weg vom eigenen Ich führt, konnte für Jesus nicht mit dem Reich Gottes identisch sein. Umgekehrt, so Jung, war für Jesus die Befreiung von den zerstörerischen seelischen Mächten ein Weg hin zu Gott, den er „Unser Vater in den Himmeln“ [3] (Mt 6,9) nannte. Natürlich kannte Jesus das psychologische Vokabular nicht, mit dem Jung arbeitete, aber der Sinn für diese Zusammenhänge war in der Antike und auch bei Jesus und den Evangelisten stark ausgeprägt. Eine Sequenz aus der Bergpredigt Jesu kann Jungs Deutung unterstreichen (Mt 7, 3-5):
„Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!“ [4]
Und es ist, auch religionspsychologisch gesehen, kein Zufall, dass der Erzähler Lukas noch vor Jesu erstem öffentlichen Auftreten in der Synagoge von Nazareth dessen Konfrontation mit dem „Teufel“ schildert, der, aus dem „Himmel“ verbannt, danach trachtet, den Menschen als deren innere Stimme das Leben zur „Hölle“ zu machen (vgl. Lk 4,1-13 par): Wer authentisch und souverän wie Jesus auf Anfeindungen wie in Nazareth reagieren und den „Himmel“ in der Tradition der Propheten „heute“ (Lk 4,21) auf die Erde holen möchte, sollte sich zuvor bewusst gemacht haben, wo „der Teufel im Detail“ des eigenen Lebens- und Wertekonzeptes „steckt“.
Das Schattentraining:
eine Methode für den (Schul-) Alltag
Unseren Weg aus der „teuflischen Hölle“ (psych.: dem Schatten) in den „göttlichen Himmel“ (psych.: Selbstwerdung), d. h. die Realisierung der unseren „Lebensbaum“ häufig unbewusst nährenden „Wurzeln“, dürfen wir nun nicht als Domäne der Tiefenpsychologie verstehen.
Vielmehr rät die renommierte Psychotherapeutin Verena Kast gerade uns Pädagogen, sich das Schattenprinzip im Selbststudium anzueignen und alltäglich – gerade auch mit Jugendlichen – zu trainieren: „Es ist ein Konzept, das in den Alltag der Menschen gehört, es ist eine Art von Denken, das uns allen geläufig werden muss.“ [5]
Tipp
Mit Hilfe der folgenden Bücher ist dieses Training zur heilsamen Selbsterkenntnis im Sinne der Bergpredigt gut durchführbar:
- Dahlke, Rüdiger: Das Schattenprinzip. Die Aussöhnung mit unserer verborgenen Seite, München (8) 2010 (inkl. CD)
- Garske, Volker: Das Schattenprinzip im Religionsunterricht. Entwicklungschancen für Lehrende und Lernende in interreligiösen Kontexten, Berlin 2019
- Kast, Verena: Der Schatten in uns. Die subversive Lebenskraft, Ostfildern 2016
Die Anregung von Franziskus I., mit Hilfe der biblischen, literarischen Topoi von „Himmel“ und „Hölle“ zu mehr Selbsterkenntnis zu gelangen, belegt vor dem Hintergrund der skizzierten Schattenthematik die psychologische Versiertheit dieses Papstes, die ganz auf einer Linie mit Jesus und C.G. Jung liegt. Wohl dem, der sich regelmäßig mutig dem Abstieg in die eigene „Hölle“ stellt, bevor wieder einmal in ihm und unseren Lehrer- und Klassenzimmern „der Teufel los ist“.
Quellenangaben
[1] Thomas Jansen (KNA): Mit Dante in die Hölle. (05.05.2015) Unter: https://www.katholisch.de/artikel/4992-mit-dante-in-die-hoelle (Zugriff 22.10.2025, gek.)
[2] Carl Gustav Jung: Aion. Beiträge zur Symbolik des Selbst. Hrsg. v. Lilly Jung-Merker. Walter Olten 1976, S. 53
[3] Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen
[4] Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Überarbeitete Ausgabe © 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart
[5] Verena Kast: Der Schatten in uns. Die subversive Lebenskraft. Patmos Ostfildern 2016, S.134
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