Immer weniger Menschen gehen in die Kirche. Was tun mit leerstehenden Gotteshäusern? Ist bei einer anderen Nutzung alles erlaubt oder gibt es Grenzen? Diskutiert diese spannenden Fragen mit euren Lernenden und werdet selbst kreativ!
So ist die Situation aktuell in Deutschland
Mitgliederschwund bei den christlichen Kirchen, hohe Kosten für die Instandhaltung – so stellt sich für viele Gemeinden die Frage: Abriss oder Neunutzung des Kirchengebäudes? Laut einer aktuellen Umfrage unter Bauamtsleitungen der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) wird perspektivisch die Hälfte aller Kirchen nicht mehr benötigt (siehe auch Bericht auf tagesschau.de). Es gibt sogar eine eigene Immobilienplattform der EKD, auf der Kirchen- und Gemeindegebäude zum Kauf angeboten werden. Doch passt eine rein privatwirtschaftliche Nutzung zu einem Raum, der zum Teil jahrhundertelang als Ort für Gemeinschaft, Glauben und Begegnung diente? Und kann aus einer christlichen Kirche gar eine Synagoge oder eine Moschee werden?
Unsere Beispiele – von Klettern bis Kita
Wie vielseitig sich leerstehende Kirchen nutzen lassen, zeigen die folgenden Beispiele. Die Auswahl stellt bewusst eine große Bandbreite dar, damit ihr darüber mit euren Lernenden ins Gespräch kommen könnt. Die zentrale Leitfrage dabei lautet: Gibt es Grenzen dafür, was aus einer Kirche werden darf?

Beispiel 1:
Klettergriffe statt Kerzen (Bad Orb)
Wo früher Altar und Kirchenbänke standen, klettern seit April 2025 Menschen die Wände hoch. Zwei Kletterbegeisterte haben die leerstehende Michaelskirche in Bad Orb (Hessen) in eine Boulderhalle verwandelt. Laut eigener Aussage soll die Boulder Church „Treffpunkt, Erlebnisraum und Wohlfühlort zugleich“ sein.

Beispiel 2:
Bienensummen statt Gebete (Roldisleben)
In die denkmalgeschützte Peter-und-Paul-Kirche in Roldisleben (Thüringen) sind Bienen eingezogen. Während die Bienen im weitläufigen Garten umhersummen, empfangen die Besucher in der Kirche verschiedene Kunstobjekte rund um Bienen, Wachs und Waben. Zudem gibt es in der Kirche einen Meditationsraum. Ziel ist, die Dorfgemeinschaft zu fördern sowie ökologisches, religiöses und kulturgeschichtliches Wissen zu vermitteln.

Beispiel 3:
Sekt statt Abendmahl (Bielefeld)
Die evangelische Bielefelder Martinikirche wurde 2004 in ein Restaurant verwandelt. Dabei wurde das historische Kirchenschiff in seinen ursprünglichen Zustand versetzt und umfassend saniert. Interessanterweise kam es schon 1975 zum ersten Wandel: Die Kirche wurde an die Griechisch-Orthodoxe Gemeinde verpachtet.

Beispiel 4:
Betten statt Kirchenbänke (Köln)
Direkt gegenüber dem Kölner Dom befindet sich in der ehemaligen evangelischen Kreuzkirche seit 2010 eine Jugendherberge. Der Gottesdienstraum ist heute ein großer Gemeinschaftsraum und somit weiterhin ein Ort der Zusammenkunft und Begegnung.

Beispiel 5:
Tora statt Bibel (Bielefeld)
Im Herbst 2008 öffnete die Synagoge „Beit Tikwa“ in der ehemaligen evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche in Bielefeld ihre Pforten. Der neuen Nutzung gingen intensive Diskussionen und Bedenken auf beiden Seiten – der evangelischen wie auch der jüdischen Gemeinde – voraus, die in eine dreimonatige Besetzung des Gebäudes durch eine Bürgerinitiative gipfelte.

Beispiel 6:
Kita statt Kirche (Münster)
Wo früher still gebetet wurde, toben heute Kita-Kinder durch die aufwendig umgebaute Kirche St. Sebastian in Münster (NRW). An die frühere Kirchenhalle erinnert vor allem eine große Spielfläche unter dem Dach. Die Umwidmung der Kirche als Kita soll bewusst dazu beitragen, einen Beitrag für das Zusammenleben im Stadtteil zu leisten.
Ideen für die Einbettung im Unterricht
- Diskussion: Stellt die Beispiele (ggf. arbeitsteilig) vor und diskutiert mit eurer Lerngruppe: Gibt es Grenzen dafür, was aus einer Kirche werden darf? Welche Nutzungsart halten die Lernenden für akzeptabel, welche nicht – und aus welchen Gründen? Warum sind Kirchen besondere Orte? Wäre ein Abriss unter Umständen besser als einen Neunutzung? Dazu könnt ihr für jedes der Beispiele Meinungslinien im Klassenraum bilden. So werden unterschiedliche Positionen sichtbar und erlebbar.
- Perspektiven erweitern: Als weiterführenden Impuls könnt ihr das Beispiel von Gemeinden anführen, die ihre Gotteshäuser nicht aufgeben möchten. Was spricht für die Gemeinde für den Erhalt, was dagegen?
- Kreativ-Wettbewerb: Bildet Gruppen. Jede Gruppe hat den Auftrag, eine neue Idee für eine (fiktive) Kirche zu entwickeln und zu präsentieren. Anschließend wird abgestimmt, welche Idee am meisten Zustimmung erhält. Für den „Realitätscheck“ der Ideen könnt ihr abschließend das Infoblatt austeilen, das die Rahmenbedingungen und Herausforderungen bei einer Neunutzung von Kirchen zusammenfasst:
Noch mehr Ideen gewünscht? Dann schaut in unser Religions-Lehrwerk „Leben gestalten 2“, S.124. Den Link findet ihr unter dem Beitrag.
Weitere Linktipps:
- Weitere Beispiele für innovative Nutzungskonzepte von alten Kirchen findet ihr auf den Websites sacris.de und Zukunft Kirchenräume.
- Wer noch tiefer einsteigen möchte: Zwei Forscherinnen der Hochschule Harz haben 325 umgewidmete Kirchen nach ihrer neuen Nutzungsart analysiert. Danach wird die Mehrzahl der Kirchen (21,85 %) für kulturelle Zwecke genutzt: Studie (2022): Nutzungsmöglichkeiten ehemaliger Kirchengebäude







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