Die Fastenzeit
Was mag der Grund dafür sein, dass Menschen über die Jahrhunderte hinweg regelmäßig wiederkehrende Erinnerungen, Traditionen und Rituale wie das Kirchenjahr und darin insbesondere die Fastenzeit bewahren? Erste, einfache Antwort: weil es gut ist, den Alltag immer wieder behutsam – religiös ausgedrückt: heilsam, heilend, heilig, dazu gleich mehr! – zu unterbrechen. Das ist bereits ein Wert an sich: Unterbrechungen des Alltags tun gut. Unterbrechen heißt nicht abbrechen, also Weltflucht, sondern sich mitten im Leben, im Alltag, besinnen (oder auch nicht), Einkehr halten (oder auch nicht), jedenfalls aber innehalten. Dass dies gut und notwendig ist, kann man schon allein am Wochenrhythmus ablesen, in dem die Monotonie der Arbeit oder des Alltags oder des Fremdbestimmten wenigstens einmal alle sieben Tage unterbrochen wird.
Der Sonntag gehört nicht der Arbeit, er ist ein Geschenk; er ist der „Tag des Herrn“. Dies ist die religiöse Begründung, formuliert in religiöser Sprache. Doch der Sonntag ist auch denen wertvoll, die dessen christlich-religiöse Begründung gar nicht kennen oder nicht schätzen. Jede und jeder braucht das Wochenende, am besten jede Woche. Beim Fasten ist es ähnlich. Der deutlichste Unterschied zum Wochenrhythmus: Das Fasten steht schon lange nicht mehr fest im Kalender, es ist in unserer Zeit ganz und gar freiwillig, und wer es ausübt, darf auch frei wählen, ob die Gründe für das Fasten und die Fastenzeit profan, beispielsweise medizinisch, oder religiös sind. Was ist dann aber das Besondere an den religiösen Zeiten und Fristen, am religiös begründeten „Sieben Wochen ohne“? Hier hilft das altmodische Wort „heilig“.
Heilig ist heilsam
Im deutschen Wort „heilig“ steckt das Heile und das Heil, das Ganze, das Vollkommene und das Gesunde. In der Bibel steht „heilig“ für das hebräische Wort קָדוֹשׁ (qādôš), griech. ἅγιος (hágios), lat. sanctus. Gemeint ist der Bereich, der (zu) Gott gehört. Heilig ist das Abgesonderte und Besondere, heilig ist das, was unserem Zugriff entzogen und dem Eingreifen Gottes vorbehalten ist. Philosophisch ausgedrückt: ‚Heilig‘ ist das religiös-liturgische Wort für den Begriff der Transzendenz.
Transzendent bedeutet: das Sichtbare, das Physische (nicht das Empirische!) überschreitend und überbietend, unbegründet und unergründlich. Das Heilige/Transzendente ist das, was über, hinter, außer unserer erfahrbaren Welt verborgen ist, das Geheimnis, das (jedenfalls für Empfängliche) ständig und immer wieder in der Welt aufleuchtet und in unsere physische und materialistische Welt hereinbricht. Das Heilige ist das Gegenteil von Unheil. Es ist heilend und heilsam. Heilige Zeiten sind gute Zeiten. Heilige Zeiten unterbrechen den Alltag auf heilsame Weise.
Sieben Wochen ohne …
Die Aktion „Sieben Wochen ohne“ knüpft an die alte Tradition der Buß- und Fastenzeit an, die eingebettet ist in das Kirchenjahr. Das Kirchenjahr wiederum vergegenwärtigt jährlich wiederkehrend auf symbolische Weise die Lebensgeschichte des biblischen Jesus: von der Erwartung seiner Geburt (Advent) über sein Zur-Welt-Kommen (Weihnachten), seine Leidensgeschichte und tragische Hinrichtung (Passion bis Karfreitag) und schließlich die Auferstehung (Ostern) und Erhöhung zu Gott (Himmelfahrt, Pfingsten). Zwei Phasen dieser Geschichte – die der frohen Erwartung (Advent) und die der Furcht vor dem Ende (Passion) – wurden traditionell durch Zeiten des Fastens, das heißt des bewussten Verzichts, unterlegt.
Fasten heißt, pointiert ausgedrückt, „Gewinn durch Weglassen“, „Mehrwert durch Verzicht“ (siehe auch Blogbeitrag zur letztjährigen Fastenaktion). Die seit dem Jahr 1998 jährlich durchgeführte Aktion „Sieben Wochen ohne“ wählt deshalb Jahr für Jahr ein Motto, in dem beides zum Ausdruck kommt und gegenübergestellt wird: Weglassen und Mehrwert, Gewinn und Verzicht.
Aktuell heißt dieses Motto: „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte“. Worin besteht der Gegensatz zwischen Gefühl und Härte?
Gefühl und Härte
Gefühl und Härte sind allein schon dadurch Gegensätze, dass sich Gefühle weich anfühlen und Härte – eben! – hart. Weich heißt nicht zwingend angenehm, sondern, dass Gefühle sich in unserem Inneren abspielen, im Subjektiven, wohingegen Härte von außen auf uns einwirkt. Härte ist das Attribut von harschen, verächtlichen, gewalttätigen Handlungen, Strukturen und Verhältnissen: ein hartes Urteil, ein harter Weg, ein harter Winter. Härte konfrontiert mich von außen. Gefühle hingegen spielen sich in meinem Inneren ab. Meine Seele und meine Sinne reagieren auf äußere Reize, zum Beispiel auf erlebte Härte; meine Gefühle verarbeiten solche Reize, zum Beispiel in Form von Trauer, Scham, Schuldgefühl oder Neid, Wut oder Verzweiflung. Aber auch angenehme Eindrücke erzeugen Gefühle wie etwa Überraschung, Stolz, Freude oder schlicht: Glücksgefühle. Um die Vielfalt solcher Gefühle zu erkunden, vor allem mit jüngeren Schülerinnen und Schülern, eignet sich die Bilderbuchreihe „Gefühle mit Eddie“.1 – Das ist die Seite der Gefühle. Doch wie ist es mit der Härte?
Erstens: Die wohl unerträglichste Verkörperung und Ausprägung von Härte findet sich in der Reichstagsrede von Adolf Hitler aus dem Jahr 1935, in welcher er der männlichen nationalsozialistischen Jugend die Attribute „flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“ verordnet (ab 1:06). Das Video stammt vom Zeitzeugenportal, das die Bonner Stiftung Haus der Geschichte bereitstellt.
Zweitens: Die auf den ersten Eindruck so diametral entgegengesetzten Begriffe „Gefühl und Härte“ wurden in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf provozierende Weise miteinander verbunden im Motto der (damals allerdings noch kaum so genannten) „Autonomen“. Die von dieser Bewegung ausgehende Härte war ursprünglich getragen von einer radikalen Empathie, also Einfühlung und Solidarisierung mit den Benachteiligten, also gewissermaßen ,Härte aus Mitgefühl‘.
Mit Gefühl, mit Mitgefühl und Einfühlung
Die Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ drückt den Gegensatz „Gewinn durch Weglassen“, „Mehrwert durch Verzicht“ seit etlichen Jahren aus durch ein Doppel-Motto, in dem immer das Wort „ohne“ enthalten ist (klar, fasten heißt „ohne …“!). Und diesem jeweils spezifischen „Ohne“ – ohne Geiz (2008); ohne Ausreden (2011); ohne Pessimismus (2020), wird immer das Plus, also der Mehrwert, der Gewinn, entgegensetzt, aber vorangestellt. Es geht nicht um Verzicht und Erdulden um seiner selbst willen, sondern darum, etwas zu gewinnen. Eigentlich logisch, dass der Kontrast zum „ohne“ ein „mit“ enthält, doch erst im Motto der Aktion 2026 taucht zum ersten Mal das Wörtchen „mit“ explizit auf: Mit Gefühl – ohne Härte. Aber was heißt „Mit Gefühl“? In dem für Unterrichtende wirklich empfehlenswerten Heft „Zutaten. Themenheft zur Fastenaktion“2 findet sich im einleitenden Editorial eine kleine Besinnung über die redaktionelle Entscheidung zwischen getrennter oder verbundener Schreibung der zwei Wörter: Mit Gefühl oder Mitgefühl? Die Antwort ist dialektisch, also so, dass der Gegensatz aufgehoben wird: Wer der gegenwärtigen Härte – sei es der unberechenbaren Machtpolitik des amerikanischen Präsidenten, dem Vernichtungskrieg des russischen Präsidenten, der wachsenden Vernachlässigung von Natur- und Klimaschutz, der populistischen Verachtung gegenüber allem Fremden – „mit Gefühl“ begegnen will, kann das nur mit Mitgefühl tun. Das ist einleuchtend.
Ich lege noch einen weiteren Aspekt daneben. Wer zum Beispiel eine heikle Aufgabe erledigen muss, wer ein verfahrenes Gespräch wieder aufnehmen, wer einen festgefahrenen Streit versöhnen, wer eine schreckliche Nachricht überbringen soll; aber auch: wer einen flusigen Wollfaden in ein Nadelöhr einführen, wer eine Balkenwaage kalibrieren, einen Anhänger rückwärts ausparken soll: der oder die muss dies unbedingt und buchstäblich „mit (sehr viel!) Gefühl“ tun. Nichts würde in den genannten Beispielen mehr schaden als Härte. Mit Gefühl meint hier: Mit Einfühlung und Feingefühl. Einfühlung bedeutet sensible Einschätzung, die Antizipation der Gefühle und Nöte der Bedrängten und Bedrohten, Gekränkten und Unterlegenen; Anteilnahme an Ängsten, an Schuld und Leid. Und genau solches Einfühlen nennt die Bibel Gnade und Barmherzigkeit. Gnade und Barmherzigkeit sind nicht Mitleid, sondern Mit-Leiden, Sympathie. Und beides sind die besonderen Eigenschaften und Leidenschaften Gottes. Die Bibel beschwört förmlich die Einfühlung Gottes. Beispiele sind Ps 103; Jes 63,9; Hos 11,8–9; Ps 34,19; Klgl 3,31–33; Mt 9,36; Lk 19,41; Hebr 4,15; 2. Kor 1,3 f. (KV „Gottes Einfühlung, Gottes Erbarmen“). Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Bibel zeichnet kein Bild eines distanzierten Gottes, sondern eines Gottes, der Leid sieht, Leid teilt, innerlich bewegt ist und deshalb tröstend und heilend handelt. Mit Gefühl – ohne Härte beschreibt also geradezu den für die Bibel wichtigsten Wesenszug Gottes.
Unterrichtspraxis
Die Aktion „Sieben Wochen ohne“ ist inhaltlich und didaktisch gut ausgearbeitet, ich verweise noch einmal auf das Materialheft „Zutaten“. Dort finden sich auch die sieben unterschiedlichen Akzente für die sieben Wochen zwischen dem 18. Februar und dem 6. April. Jede Woche ist mit einem tiefen Gefühl oder einem gefühlvollen Impuls überschrieben – Sehnsucht, Weite, Verletzlichkeit, Mitgefühl, Nachfragen, Sanfte Töne, Furcht und große Freude –, jeder Woche sind biblische Impulse zugeordnet. Alles ist zu empfehlen! Wer es knapper haben will, der oder dem empfehle ich folgende drei Schritte:
(Mit-)Gefühle klären
Was fühlen wir? Was macht uns hart, gefühllos und unbarmherzig? Der wunderbare Sketch „Empathie forte“ der Kabarettistin Maren Kroymann ist ein guter Einstieg in das Thema des Ein- und Mitfühlens.
Ein möglicher Kontrast wäre beispielsweise der oben erwähnte dokumentarische Beitrag zur Härte des deutschen Faschismus. Was empfinden wir dabei?
Die neue App der tagesschau fragt seit Dezember 2025 bei jeder Nachricht: „Was macht diese Nachricht mit Ihnen?“. Als Antwort werden 35 Begriffe für Emotionen angeboten.
Im erwähnten Zutaten-Heft findet sich auf S. 60 ein Vokabular von fast 200 positiven und negativen Gefühlen. Mit diesen und ähnlichen Instrumenten lassen sich (Begriffe für) Gefühle klären.
Ein Tübinger Kino hat einen Werbetrailer mit dem Titel „Große Gefühle brauchen große Bilder“ erstellt. Daraus lässt sich eine kreative Aufgabe ableiten, die mithilfe des Smartphones bearbeitet werden kann: Zeige mir ein Bild von großen Gefühlen.
Die Internet-Plattform Heise bietet Tipps für „Große Gefühle in Fotos“.
Mehr Gefühl und weniger Härte
Die Kopiervorlage „Mit mehr Gefühl und weniger Härte“ bietet den Text einer Lokaljournalistin aus Tübingen, die mithilfe von alltäglichen Erfahrungen und Impressionen beschreibt, wie sie sich das neue Jahr wünscht: Mit mehr Gefühlen und weniger Härte.
Aufgaben dazu könnten lauten:
- Beschreibe die Gefühle, die das neue Jahr bei der Autorin auslöst.
- Arbeite heraus, was die Autorin mit „Härte“ meint und ergänze deine eigenen Eindrücke von Gefühl und Härte für die Zeit, die vor dir liegt.
- Beschreibe, was du dir für die kommende Zeit erträumst und wünschst.
Gottes Mitgefühl
Für das christlich-protestantische Gottesbild sind die Begriffe Barmherzigkeit und Gnade ganz und gar unverzichtbar. An dieser Stelle entscheidend ist: Die Bibel schildert in unzähligen Situationen, wie Gott sich auf neue Situationen einlässt und Nachsicht, also situative Einsicht walten lässt. Die Botschaft der Bibel beider Testamente lautet: Gott zeigt Einsicht. Gott fühlt sich ein. Das ist seine Gnade, also sein Verzicht auf „Rechthaben“, und sein Erbarmen, also seine Einfühlung in erbärmliche Verhältnisse. Einen kleinen Ausschnitt davon verdeutlicht die Kopiervorlage „Gottes Einfühlung, Gottes Erbarmen“.
Ich wünsche euch, dass ihr eure Lernenden für das Thema der diesjährigen Fastenaktion begeistern könnt und dass es euch gelingt, die Sinne der Jugendlichen für Gefühl, Mitgefühl und Einfühlung zu sensibilisieren.
1Bohnstedt, Antje: Eddie. Gefühle wahrnehmen, erkennen und benennen. München 2026
2Fastenaktion 2026: Themenheft zur Fastenaktion. Mit Gefühl! 7 Wochen ohne Härte / ZUTATEN; ISBN 978-3-96038-434-2








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