Streit um die Rolle der Kirche in aktuellen Debatten
Im Frühjahr 2026 hat Bundestagspräsidentin Julia Klöckner für Kritik gesorgt: Sie bemängelte, dass sich Kirchen zu tagespolitischen Themen äußern. Sie sagte, Kirchen könnten zwar zu politischen Fragen Stellung nehmen, dafür zahle sie aber keine Kirchensteuer. Stattdessen sollten Kirchen ihrer Ansicht nach stärker Sinnstiftung und Orientierung bieten. Dagegen regte sich Widerspruch aus mehreren politischen Lagern, auch innerhalb der CDU.
Armin Laschet (ehemaliger Ministerpräsident von NRW) betonte, die Kirchen seien schon immer politisch gewesen und ihre christliche Botschaft habe zwangsläufig politische Auswirkungen.
Auch Dennis Radtke (Vorsitzender des CDU-Sozialflügels) kritisierte Julia Klöckner und erklärte, Kirchen hätten nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, sich gesellschaftlich und politisch zu äußern.
Von der SPD widersprach Matthias Miersch (Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion). Er hob hervor, dass sich Christinnen und Christen traditionell in politische Debatten einmischen und dies mit dem christlichen Selbstverständnis vereinbar sei. Die Forderung, die Kirche solle sich auf Seelsorge beschränken, passe aus seiner Sicht nicht zum christlichen Anspruch.
Es stellt sich also nicht nur die Frage, ob die Kirche sich einmischen darf, sondern auch, in welcher Art und Weise dies geschehen kann oder soll.
Mögliche Wege des Engagements
Einen Vorschlag dazu hat die Professorin für Politikwissenschaften Barbara Zehnpfennig erarbeitet. Sie wirft den Kirchen vor, moralische Forderungen zu formulieren, ohne die politische Komplexität politischer Entscheidungen ausreichend zu berücksichtigen. Für sie haben Kirchen die wichtige Aufgabe, an christliche Werte wie die Nächstenliebe zu erinnern und moralisch Orientierung zu bieten, sie sollten sich aber nicht als politischer Akteur verstehen oder konkrete politische Lösungen vorgeben 1.
Einen anderen Akzent setzt der evangelische Theologe Norbert Roth. Politisch wirksam werde die Kirche dadurch, dass sie Christus verkündigt und Menschen Räume eröffnet, in denen Versöhnung, Dialog und gegenseitiges Verstehen möglich werden. Die Kirche solle Brücken bauen zwischen Menschen unterschiedlicher Überzeugungen und ein Ort sein, an dem Menschen ohne Vorbedingungen miteinander ins Gespräch kommen können. Gerade in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft könne dies ein wichtiger Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt sein 2.
Vielleicht kann man auch dem Augsburger Bischof Bertram Meier folgen, der sagt, dass ein Rückzug ins Private weder für den Einzelnen noch für die Kirche als Ganze eine Option sei, denn eine Gesellschaft mit Ängsten vor Krieg, Inflation und Rezession brauche die Stimme der Kirche als Orientierung 3.
Strittig bleibt, ob der Auftrag der Kirchen vor allem darin besteht, politische Entscheidungen zu kommentieren oder ob sie eher die Werte und Haltungen vermitteln sollte, auf deren Grundlage Menschen selbst zu politischen Urteilen gelangen können.
1 vgl. www.herder.de: Zur kirchlichen Rhetorik in der Migrationsdebatte. Einfach Antworten auf schwierige Fragen
2 vgl. www.evangelisch.de: Contra: Roth bezieht Stellung. Kirche soll sich aus Politik heraushalten
3 www.domradio.de: Christen feiern Fronleichnam mit Appellen für die Demokratie
Vielfalt im Unterricht abbilden
Wer politische Themen im Unterricht behandelt, sollte immer bedenken, dass die Vielfalt eines politischen Themas auch entsprechend vielfältig im Unterricht abgebildet werden sollte, damit die Lernenden nicht unbewusst gelenkt werden. Es muss daher im Unterricht deutlich gemacht werden, dass es innerhalb von Politik, Kirche und Theologie unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, wie politisch Kirche sein darf oder sogar sein muss.
Neben der Erarbeitung grundsätzlicher Positionen lebt das Thema von seinen aktuellen Bezügen. Die Lernenden sollten daher aktuelle politische Debatten recherchieren, in denen die Kirchen Stellung bezogen haben, und diese Positionen kritisch bewerten. Anhand der konkreten Beispiele können sie auf einer abstrakteren Ebene untersuchen, welche Argumente für eine stärkere politische Einmischung der Kirchen sprechen und welche dagegen. Besonders ertragreich wird es, wenn die Schülerinnen und Schüler selbst aus christlichen Grundüberzeugungen heraus Positionen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen entwickeln und reflektieren, welche Rolle Kirche dabei spielen sollte. Zur Unterstützung eines solchen Prozesses im Unterricht könnt ihr euch kostenlos ein Arbeitsblatt herunterladen, das entsprechende Anregungen bietet.
Ich wünsche euch und euren Lernenden spannende Diskussionen über die Frage, wie politisch Kirche sein darf – und vielleicht auch sein muss.








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