Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Blut ist Leben

„Blut ist ein ganz besondrer Saft“1 spricht Mephistopheles zu Faust in dessen Studierzimmer (und erzeugt damit eine doppelte Pointe: die lebensbedeutende Funktion des Blutes ist mit „ganz besonders“ ja noch weit untertrieben; gleichzeitig wird mit dem trivialen Wort „Saft“ – als wäre es ein schlichtes Getränk oder eine Bratensoße – angedeutet, wie alltäglich und allgegenwärtig das Blut ist.

Blut ist Leben

Rein physisch ist Leben ohne Blut mit seinen unterschiedlichen Funktionen – Transport von Nähr- und Sauerstoff, Immunabwehr, Wundverschluss, Temperaturregulierung – um nur einiges zu nennen – einfach undenkbar. Blutvergießen bedeutet ab einem bestimmten Maß, das „Leben auszuhauchen“. Um diese physische Dimension wird es im folgenden Unterrichtsimpuls nicht gehen. Dafür bietet das Klett teachkit „Blut & Blutspende“ ausreichendes und ausgezeichnetes Material. Doch mit der bildhaften Formulierung vom Vergießen des Blutes und dem Aushauchen des Lebens ist eine wesentliche und existentielle Dimension des Blutes angedeutet, nämlich die metaphorische, geistige und religiöse Dimension des Lebens schlechthin. „Blut ist Leben“ ist deshalb der rote Faden durch die folgenden Impulse.

Ausgeliehen bzw. inspiriert ist das Motto „Blut ist Leben“ von der zentralen biblischen Aussage im sog. Heiligkeitsgesetz in Lev 17–26: „Denn im Blut ist die Lebenskraft“ (Lev 17,11) 2. Hier lohnt sich ein Vergleich der Übersetzungen, denn im Hebräischen besteht das Zitat lediglich aus drei bzw. vier Wörtern, die unauflöslich miteinander verbunden werden: [Denn] „Nephesch“ (Seele – Hauch – Atem), „Fleisch“ und „Blut“.

Frei übersetzt: Das physische Blut ist das Heilige, die Lebenskraft, das Geschenk des Lebendigen, das Gott der biologischen Physis hinzufügt. Das gilt für Mensch und Tier (Gen 1,20: „Es wimmle das Wasser von einem Gewimmel lebender Wesen.“ 3). Deshalb ist das Blut als Ausdruck für das Leben so pointiert und so exklusiv geeignet für das biblische Opfer. Die Hingabe des Blutes im Opferritual ist eine Ersatzleistung für das eigene (schuldhafte, verfehlte, verwirkte …) Leben des Menschen. Mit der stellvertretenden Gabe des Blutes entlastet der Priester alle Menschen von der Hingabe des eigenen Lebens. Anders ausgedrückt: Die Gabe des Blutes als Symbol des von Gott geschenkten Lebens erweist Gott die Ehre und beendet ein für allemal jegliches Menschenopfer. Das nennt die Bibel „Sühne“ oder „Versöhnung“. Wird durch diese Skizze deutlich, wie tief das „Blut Jesu“ am Kreuz im Sühneverständnis des Ersten Testaments verankert ist?

Dies nur als Hinweis und als Hintergrundinformation für die Lehrkräfte (KV „Blut in der Bibel“).

Für den Unterricht empfehle ich folgende drei Schritte:

1. Blut ist Leben

Wie vielfältig im Alltag „Blut“ eine Rolle spielt: Von der Verletzung über die Menstruation bis zur starken Emotion („heißblütig“); von intimster und engster Freundschaft („Blutsbrüderschaft“) über Verwandtschaft („blutsverwandt“) bis zu Schneewittchen im Märchen (KV „Blut ist Leben“).

2. Jesus spendet Blut – Jesus spendet Leben

Was passiert eigentlich beim Abendmahl (Eucharistie)? (KV „Jesus spendet Blut“)
Jesus selbst zitiert während des Abschiedsmahls von den Seinen (Mt 26,20–35) wörtlich Ex 24,8: das „Blut des Bundes“ 4. In Ex 24 besiegelt Mose durch das Versprengen des Blutes der Opfertiere den Sinaibund zwischen Gott und Israel. Das Blut des Bundes – sein eigenes, nicht das des Opfertiers! – stellt den Zusammenhang her zwischen dem erneuerten Bund (bekanntlich die wörtliche Bedeutung für „Neues Testament“!) und der Versöhnung, die Gott selbst stiftet. Diese Worte, in denen Jesus Brot und Wein als seinen Leib und sein Leben deutet, werden als sogenannte Einsetzungsworte des Abendmahls bezeichnet. In der Textvariante nach Lukas fordert Jesus ausdrücklich dazu auf, dieses Ritual zu wiederholen („dies tut zu meinem Gedächtnis“, Lk 22,19; außerdem wird sein Dankgebet vor dem Brotbrechen, griechisch: Eucharistie, betont. Daher die (katholische) Bezeichnung für das Abendmahl. Die Frage, ob aus dem Brot, das Jesus mit den Seinen teilt, und dem Wein im Kelch, mithilfe der Einsetzungsworte durch Pfarrer, Pfarrerin oder Priester „wirklich“ Leib und Blut Jesu wird, also die Frage der Wandlung, der Transsubstantiation oder der Realpräsenz, hat bekanntermaßen die Christenheit seit 2000 Jahren beschäftigt und auch entzweit.

Sie wird sich auch im Unterricht nicht klären lassen. Es ist die Frage nach der Wirklichkeit und der Wirksamkeit der sogenannten Sakramente, häufig übersetzt mit: Sichtbare (physische) Zeichen der unsichtbaren Gnade Gottes. Es geht also um die Lebensrelevanz des Glaubens und seiner Symbole und Rituale.

Ich schlage vor, diese Frage nach der Lebensbedeutung des Glaubens mit dem Symbol Blut/Leben zu verknüpfen. Ganz gleich, ob man Leib und Blut Jesu in den Symbolen von Brot und Wein für „real präsent“ hält (wie das die katholische, aber auch die protestantisch-lutherische Tradition tut!) oder für metaphorisch-symbolisch (so eher die evangelisch-reformierte Tradition), ist es ja das Leben der Feiernden, das real ist. Das heißt: selbst wenn man das Mahl „nur“ als zur Erinnerung und als symbolische Vergegenwärtigung von Jesu Leben, Tod und Auferstehung feiert, stellt sich ja die Frage nach der Wirksamkeit und Bedeutsamkeit des Glaubens für das wirkliche Leben. Zu dieser Reflexion möchte KV „Jesus spendet Blut“ beitragen.

Dass Jesus „sein Blut vergießt für die Vielen“, also zum Lebensgewinn der Glaubenden, wird hier in Verbindung gebracht mit dem Gedanken der Blut-Spende. Die Frage, die im Weiteren diskutiert werden könnte, könnte also lauten: Inwiefern spendet Jesus durch seine Hingabe Leben?

3. Blut spendet Leben

Hier bietet sich die Verknüpfung zum teachkit „Blut & Blutspende“ an.

1 Johann Wolfgang Goethe: Hamburger Ausgabe. Bd. III: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. C. H. Beck München 1976
2 BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
3 Menge 2020. Revidierte Fassung der Bibel nach Hermann Menge. CLV Bielefeld 2019
4 Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
5 BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Kostenlos zum Download

Medienhinweise

Alle folgenden Medien stehen in den Medienzentralen der Kirchen und/oder der Bundesländer kostenlos zur Verfügung

  • Der Film „Das Neue Evangelium“ des Schweizer Regisseurs Milo Rau aus dem Jahr 2020 wird in reli plus 3 auf den Seiten 83 und 84 eingeführt. Besonders eindrücklich im aktuellen Zusammenhang ist die Schlussszene von der Frage des Pilatus: „Wen von beiden (Jesus oder Barrabas) wollt ihr?“ (Mt 27,21) 5 bis zur Abnahme des Jesus-Schauspielers vom Kreuz (1:23:00 bis 1:40:00).
  • Klassisch ist nach wie vor der französisch-kanadische Spielfilm Jesus von Montreal (1989, Denys Arcand; 120 min). Dazu gibt es reichlich Unterrichtsmaterial.
  • „Katholisch für Anfänger“ bietet ein Erklärvideo mit der Frage „Was bedeutet Eucharistie?“v

Sollten in eurer Lerngruppe Jugendliche mit Erfahrungen in evangelischen Abendmahlsfeiern sein, kann mithilfe des Erklärvideos ein Vergleich evangelisch/katholisch durchgeführt werden.

Ich wünsche euch gutes Gelingen bei der Umsetzung des Unterrichtsimpulses!

 

6 Personen haben sich für diesen Beitrag bedankt.
Danke!

Über den Autor

Gerhard Ziener

Gerhard Ziener ist evangelischer Pfarrer, Schul- und Religionspädagoge. Er ist Autor und Herausgeber von reli plus für Evangelische Religion an mittleren Schulformen.

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und verstanden.

Nach oben