Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Engagement als Chance im Schulalltag

Freiwilliges Engagement verbindet Menschen, schafft Verantwortung und vermittelt Werte. Schulen können entscheidend dazu beitragen, dass junge Menschen erfahren: Mein Handeln zählt.

Wenn Schülerinnen und Schüler die Welt bewegen

Freiwilliges Engagement wird in der Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung seit langem als zentrale Ressource für eine demokratische und solidarische Gesellschaft beschrieben. Bereits die Shell-Jugendstudien betonen, dass Jugendliche ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sinn, Gemeinschaft und Partizipation haben – und dass sie dort besonders aktiv werden, wo sie spüren, dass ihr Handeln Wirkung entfaltet. Schulen sind ein entscheidender Ort, an dem dieses Bedürfnis aufgegriffen werden kann. Denn hier verbringen Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit, hier entwickeln sie Rollenbilder und hier lernen sie im direkten Miteinander, wie Verantwortung und Solidarität gelebt werden können.

Während das Curriculum häufig auf kognitive Kompetenzen und messbare Leistungen ausgerichtet ist, eröffnet freiwilliges Engagement im Schulalltag eine andere Dimension des Lernens: Junge Menschen erfahren, dass ihr Einsatz nicht nur für sie selbst, sondern auch für andere von Bedeutung ist. John Dewey (1916) sprach in diesem Zusammenhang von „learning by doing“ – der Idee, dass echte Lernerfahrungen durch aktives Handeln und gesellschaftliche Teilhabe entstehen. Diese Perspektive gewinnt in Zeiten von Individualisierung und Leistungsdruck eine neue Aktualität. Engagement bietet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, Schule als Lebens- und Erfahrungsraum zu begreifen, in dem sie über das rein Fachliche hinaus ihre Persönlichkeit entfalten können.

Briefe ins Altenheim

Praxisbeispiel: Im Deutschunterricht verfassen Schülerinnen und Schüler Briefe für Seniorinnen und Senioren im Pflegeheim. Die Lehrkraft organisiert lediglich den Versand, die Wirkung für beide Seiten ist direkt erlebbar: Sprache bekommt Sinn, soziale Verantwortung wird praktisch erfahrbar.

Für Lehrkräfte stellt sich die Frage, wie solche Engagement-Erfahrungen konkret im Unterricht und Schulalltag angebahnt werden können. Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass dies zwangsläufig mit groß angelegten Projekten oder zusätzlicher Arbeitsbelastung einhergehen müsse. Tatsächlich zeigen Ansätze der Demokratiepädagogik und des Service Learning (vgl. Kuhlmeier 2010), dass schon kleine, niederschwellige Gelegenheiten reichen, um nachhaltige Wirkung zu entfalten. Entscheidend ist, dass Schülerinnen und Schüler Freiräume erhalten, selbst Verantwortung zu übernehmen und den Sinn ihres Tuns zu erkennen.

Energiesparmaßnahmen für die Schule

Praxisbeispiel: In Naturwissenschaften entwickeln Schülerinnen und Schüler kleine Energiesparmaßnahmen für ihre Schule. Sie berechnen den Stromverbrauch von Geräten und schlagen Veränderungen vor. Die Lehrkraft begleitet, die Jugendlichen setzen selbstständig Ideen um – so wird Fachwissen in gesellschaftlich relevantes Handeln übersetzt.

Im Fachunterricht ergeben sich zahlreiche Anknüpfungspunkte: Im Fach Ethik oder Religion kann die Reflexion über Solidarität oder Gerechtigkeit in konkrete Projekte wie eine Sammelaktion für Hilfsbedürftige münden. Naturwissenschaftliche Fächer wiederum bieten Möglichkeiten, Projekte im Bereich Nachhaltigkeit anzustoßen. Solche Beispiele verdeutlichen, dass Engagement nicht zusätzlich „oben drauf“ kommt, sondern vielmehr bestehende Inhalte mit einem gesellschaftlichen Bezug anreichert.

Sammelaktion für Bedürftige

Praxisbeispiel: Eine Klasse organisiert eine Sammelaktion für Bedürftige. Die Lehrkraft gibt den Impuls, die Schülerinnen und Schüler planen Ablauf, Werbung und Übergabe eigenständig. Das stärkt Selbstorganisation und Verantwortungsgefühl.

Neben dem Unterricht bieten sich auch schulische Strukturen wie Klassensprecherarbeit, AGs oder Projekttage für Engagement an. Hier können Lehrkräfte eine wichtige Rolle als Ermöglicher einnehmen, indem sie nicht vorgefertigte Lösungen präsentieren, sondern Schülerinnen und Schüler ermutigen, eigene Ideen zu entwickeln. Studien zeigen, dass diese Form der Partizipation sowohl die Motivation als auch das Verantwortungsgefühl stärkt (vgl. Helsper & Böhme 2020). Wichtig ist dabei die Balance zwischen Anleitung und Autonomie: Lehrkräfte begleiten die Prozesse, lassen aber genügend Raum, damit Schülerinnen und Schüler Erfahrungen echter Selbstverantwortung machen können.

Infoplakat über Spendenaktion

Praxisbeispiel: Nach einer Spendenaktion erstellt die Klasse ein Plakat mit Fotos und Ergebnissen. Dieses wird im Schulflur aufgehängt. Ergänzt wird es durch ein kurzes Feedback der Lehrkraft, das sowohl Anstrengung als auch Wirkung würdigt.

Schule als Mikrokosmos der Gesellschaft hat so die Chance, jungen Menschen nicht nur Wissen, sondern auch Haltung mitzugeben. Freiwilliges Engagement trägt dazu bei, demokratische Grundwerte praktisch zu erfahren und zu verinnerlichen. Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierung, in der Vertrauen in Institutionen vielfach erodiert, kann Schule damit zu einem Ort werden, an dem Solidarität, Verantwortung und Gemeinsinn erfahrbar bleiben.

Hilfe in der Stadtbibliothek

Praxisbeispiel: Eine Gruppe entscheidet sich, wöchentlich eine Stunde in der Stadtbibliothek zu helfen. Sie dokumentiert den Prozess in einem Portfolio. Die Lehrkraft bestätigt und reflektiert mit den Schülerinnen und Schüler die Erfahrungen – Engagement wird systematisch sichtbar.

Der Duke of Edinburgh’s International Award

Neben klassischen Möglichkeiten des Engagements bietet z. B. auch der Duke of Edinburgh’s International Award ein strukturiertes, schülerzentriertes Programm, das soziales, sportliches und kreatives Engagement verbindet. Teilnehmende Schülerinnen und Schüler wählen eigene Projekte in den Bereichen Freiwilliges Engagement, Talententwicklung, körperliche Betätigung und Expeditionen. Dabei erfahren sie direkt, dass ihr Einsatz zählt – sei es beim Organisieren einer Spendenaktion, bei der Unterstützung lokaler Vereine und Institutionen oder beim Planen einer nachhaltigen Schulaktion. So kann z. B. eine Gruppe von Jugendlichen im Rahmen des Awards wöchentlich die Betreuung eines Umweltprojekts in der Stadt übernehmen, dokumentiert Fortschritte in einem Portfolio und präsentiert Ergebnisse in der Schule. Lehrkräfte begleiten, moderieren Reflexionen und bestätigen die Leistungen, ohne vorgefertigte Lösungen vorzugeben. Die Jugendlichen erleben so Selbstwirksamkeit und Verantwortungsübernahme in einem realen gesellschaftlichen Kontext.

Mehr zum Duke Award lest ihr in diesem Blogbeitrag.

Kostenlos zum Download

Auf der KV „Freiwilliges Engagement leicht im Unterricht verankern – aber wie?“ findet ihr gesammelte Ideen und Beispiele für Engagement im Unterricht.

Fazit

Freiwilliges Engagement muss nicht außerhalb der Schule stattfinden, sondern kann mit einfachen Mitteln im Unterrichtsalltag verankert werden. Lehrkräfte haben hier die Möglichkeit, über kleine Impulse große Wirkung zu entfalten: indem sie Räume für Partizipation schaffen, Verantwortung übertragen und Anerkennung geben. Damit leisten sie nicht nur einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung ihrer Schülerinnen, und Schüler, sondern stärken auch die gesellschaftliche Basis von Demokratie und Zusammenhalt.

Freiwilliges Engagement zeigt Jugendlichen, dass ihr Handeln Wirkung hat – in der Klasse, in der Schule und in der Gesellschaft. Wer Verantwortung übernimmt, wächst über sich hinaus.

Literaturhinweise

Shell Deutschland (Hrsg.) (2019): Eine Generation meldet sich zu Wort. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.

Dewey, John (1916): Democracy and Education. An Introduction to the Philosophy of Education. New York: Macmillan.

Kuhlmeier, Werner (2010): Service Learning: Lernen durch Engagement in Schule und Hochschule. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

Helsper, Werner/Böhme, Jeanette (2020): Schule und Gesellschaft. Einführung in die Sozialisationstheorie der Schule. Stuttgart: Kohlhammer.

Deci, Edward L. & Ryan, Richard M. (2000): „Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being.“ In: American Psychologist, 55(1), S. 68–78.

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Über den Autor

Stefan Lesser

Stefan Lesser ist Studienrat an der Goetheschule Wetzlar und unterrichtet die Fächer Geschichte und Ethik. Besonders am Herzen liegt ihm, junge Menschen zu ermutigen, über sich hinauszuwachsen – sei es im Unterricht, in Projekten zur Erinnerungskultur oder im Rahmen des Duke of Edinburgh’s International Award. Sein Ziel: Schülerinnen und Schüler dabei zu begleiten, ihre Stärken zu entdecken und Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen.

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