Reli-Ethik-Blog
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„Halt dich an mir fest!“ – Der Seewandel Jesu im Spiegel moderner Popmusik

Ist es theologisch und didaktisch legitim, die Erzählung vom Seewandel Jesu (Mt 14,22-33) zur Interpretation einer modernen fiktiven Beziehungsgeschichte zu nutzen? Ein unhistorisches neutestamentliches Naturwunder als Vorbild für eine vertrauensvolle Fortsetzung einer kriselnden, aber grundsätzlich noch lohnenswerten Partnerschaft heute? Ja, es ist legitim, doch wird ein kreatives intertextuelles Arrangement im Religionsunterricht an hermeneutische Bedingungen geknüpft.

Der Erfolg intertextueller Einheiten basiert auf der Beachtung von wichtigen Grundregeln bereits in der Unterrichtsvorbereitung, die berücksichtigen, dass Lernende zu aktiven Mitgestaltern des Textsinns werden:

  • Nehmt euch Zeit für eine gründliche Sachanalyse der Perikope, und weicht fremden, anstößigen oder neuen exegetischen/religionswissenschaftlichen Erkenntnissen nicht aus.
  • Bedenkt, welche Textpointen gemäß der Sachanalyse sinnvoll zu korrelieren sind. Wählt Methoden, die den Korrelaten sinnvoll zuarbeiten.
  • Plant ausreichend Unterrichtszeit für die Methoden ein. Die Religionsdidaktik fordert ein Arbeiten mit Muße, ohne Hetze.
  • Bedenkt, dass das Erzählelement der Figuren(-beziehungen) in der Popmusik sich hervorragend zur Korrelation mit biblischen Szenen eignen kann. Die zunächst verzweifelt-ängstlich hinterfragte, dann aber vertrauensvoll fortgesetzte Beziehung des Paares aus dem Song „Halt dich an mir fest“ der Popgruppe Revolverheld (2010) entspricht grundsätzlich der Ambivalenz der Motive aus der Seewandelperikope, die zwischen Angst und Vertrauen oszillieren.
  • Folgt der korrelationsdidaktischen Prämisse, die geltend macht, dass gerade gelingende Beziehungen sowohl in der biblischen als auch in der Jugendwelt Hinweise geben auf einen Beziehung stiftenden Gott, der sich im Verhältnis zu mir, zu Dritten und zur Natur nach einem Wort der feministischen Theologin C. Heyward „als eine Art Dritte Macht“ erfahren lässt (vgl. Heyward, Carter: Sie rührte sein Kleid an. Eine feministische Theologie der Beziehung, Stuttgart 1986). Wie in vielen neutestamentlichen Erzählungen wird die malkuth Jahwe, das Reich Gottes, bis heute dort zur Sprache gebracht, wo zwischenmenschliche Beziehungen so optimiert werden können, dass sich ein Raum der Gerechtigkeit (hebr.: Zedakah) eröffnet, nach alttestamentlich-jüdischer Vorstellung einer der höchsten Lebenswerte. Er impliziert das Heil von Seele und Körper in humanen Beziehungen – ohne Angst vor einem als mühsam und sinnlos empfundenen Tag, vor Mobbing, Gewalt und Enttäuschung (vgl. Crüsemann, Marlene: Gott ist Beziehung. Beiträge zur biblischen Rede von Gott, Gütersloh 2014).

Beachtet ihr diese Grundsätze während der Vorbereitung auf eine zweistündige Einheit zur Dramatisierung der Erzählung über den Seewandel Jesu (Mt 14,22-33), lassen sich folgende Akzente setzen (ab Klasse 9):

Seewandel Jesu: Textpointen und Korrelate erfassen

Ihr habt euch exegetisch über die Gattung der neutestamentlichen Naturwunder informiert. Sie sind nachösterliche, jeder Historizität entbehrende Erzählungen, enthalten aber aufgrund ihrer mythischen Bilder unter der Wortoberfläche eine existenzielle Tiefenaussage, die zeitlos und daher für alle Menschen wesentlich sein kann. Auch Mt 14,22-33 berührt jenseits der christologischen Stilisierung angesichts von Kontingenz und existenziellen Krisen die Sehnsucht nach einem Gegenüber, dem ich trotz oder gerade wegen der alltäglichen Lebens- und Todesängste so vertrauen kann, dass ich mich getragen, gehalten fühlen und aus dieser Geborgenheit immer wieder neuen Lebensmut gewinnen darf. Ihr betretet also mit der Erzählung das spirituell-psychologische Themenfeld der Zuversicht (vgl. Kast, Verena: Zuversicht. Wege aus der Resignation, Freiburg 2012). Die dramatische Erzählung birgt folgende Korrelate (kursiv):

Matthäus blickt auf eine für die Urkirche nicht ungefährliche politische Situation, die mit dem zurückliegenden jüdisch-römischen Krieg und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. zusammenhängt. Nach dem anfänglichen Mit- und Nebeneinander von Christen und Juden kommt es zur christlichen Distanzierung vom Judentum, dem römischen Kriegsgegner (vgl. die verzerrende entlastende Darstellung der Römer und den Antijudaismus besonders bei Mt und Joh). Matthäus reagiert mit seinem Jesusbild auf das erstarkte pharisäisch-rabbinische Judentum, unter dessen Anfechtung und Polemik seine Gemeinde zu leiden hatte. Es sind politisch, religionssoziologisch und existenziell gesehen „stürmische Zeiten“, die auch in der Beispielerzählung vom Seewandel Jesu symbolisiert werden. Deren Pointe lautet, als Christ in einer Situation existenzieller Bedrohung vertrauensvoll leben zu lernen.

Auf der Basis profunder Kenntnisse über die heiligen Schriften schmückt Matthäus die Exposition mit alttestamentlicher Raumsymbolik aus: Da ist der Berg, auf den der Erzähler Jesus in der Exposition gehen lässt, von jeher in den Religionen der Welt ein Ort der meditativen Versenkung, des Gefühls der Geborgenheit, der Zuversicht, psychologisch: der Einheit des Selbst (vgl. Jes 33,5; Ps 68,17).

Kontrastsymbol ist das mythisch-urzeitliche Chaos (vgl. Gen 1,1-3), bestehend aus Wellen, Sturm und Dunkelheit, mit dem sich die Jünger, so die Dramatisierung des Plots, im Boot auf dem aufgepeitschten See Gennesaret – ohne ihren „Herrn“ an der Seite und ohne „Land in Sicht“ zu haben – auseinandersetzen müssen. Damit arrangiert der Evangelist den in vielen Religionen essentiellen Antagonismus zwischen lebensfördernden und -vernichtenden psychischen Kräften. Der Mythos bewältigt erzählerisch wie bereits die Genesis mit ihrem „guten Anfang“ wesentliche Zukunfts- und Daseinsängste des Menschen, existenzielle Grenzerfahrungen des Schwarz-Sehens, der Aussichtslosigkeit, des Aufgewühlt-Seins ob des permanenten Gegenwindes. Die geografischen Angaben untermalen das Existential der Entfremdung.

Im Bild des über das Wasser gehenden Nazareners (was im AT sonst nur Jahwe vorbehalten ist) bietet Matthäus Christen eine Hoffnungschiffre an: Versteckt hinter der Zeitangabe der vierten Nachtwache markiert der Sonnenaufgang das Ende der Nacht und symbolisiert damit den alttestamentlichen Zeitpunkt der Hilfe Jahwes (vgl. u.a. Hiob 9,8). Wie auch in anderen antiken Erzählungen (etwa über Buddha, bei Homer und den alten Ägyptern) meint das souveräne Über-das-Wasser-Gehen nichts weniger als aus einer gefühlten göttlichen Geborgenheit heraus mutig in die Niederungen der existenziellen Anfechtungen hinabzusteigen und ihnen (bis in die eigene Todesstunde hinein) vertrauensvoll zu begegnen. Aus diesem Geist zu leben, lässt existenzielle „Wogen glätten“, so manchen äußeren Anfechtungen „den Wind aus den Segeln“ nehmen, den Verzweifelten ein „Licht am Ende des Tunnels“ aufscheinen, sie wieder in „ruhigere Fahrwasser“ geraten. Damit rückt Matthäus die innerlich Aufgewühlten, Entfremdeten, Alleingelassenen, Verängstigten wieder ins (rechte) Licht und belegt, dass auch sie gesehen und emotional gewärmt werden. Dass solche Bilder bei Matthäus keine billige Vertröstung auf das Jenseits beinhalten, veranschaulicht abschließend der missglückte Seewandel Petri.

Petrus wagt zunächst mutig die Individualität, das Verlassen aller (Schein-) Sicherheiten und der Kollektivgeborgenheit – ein Aussteiger –, nur um dann in Halt- und Bodenlosigkeit zu versinken. Er, bei Matthäus der ambivalente Prototyp der Jünger, wird haltlos, bis ihm sprichwörtlich das Wasser bis zum Halse steht, geht in der Selbsthypnose der Angst unter, fast zugrunde (vgl. Ps 69,2f.). Literarisches Vorbild der Rettung des Kleingläubigen sind u. a. die Psalmen: „Er streckte seine Hand aus der Höhe und fasste nach mir, er zog mich heraus aus den vielen Wassern“ (Ps 18,17f.); „es hielt mich fest deine Rechte“ (Ps 18,36; vgl. Ps 144,7). Mit dem Topos des sofortigen Ergreifens lässt Matthäus Jesus die emphatische atl. Offenbarungsformel bestätigen: „Habt Zuversicht, ich bin; keine Angst!“ (Einheitsübersetzung: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“). Sie enthält eine pragmatisch-appellative Funktion, insofern Gott in allen Beziehungen erfahren werden kann, die unser Leben optimieren, uns halten und tragen und in denen wir uns festmachen dürfen – gemäß dem hier dichterisch entfalteten paradoxen jüdisch-christlichen Glaubensbegriff: „Glauben“ meint im Hebräischen „sich (ausgerechnet auf dem „Wasser“) festmachen“.

Methoden stringent ableiten

Ich entscheide mich angesichts der Sachanalyse für die Methode der Textcollage/-verfremdung:

In den Bibeltext Mt 14,22-33 aus der Einheitsübersetzung 2016 wird in Vers 31 nach „Jesus streckte sofort seine Hand aus, ergriff und ihn und sagte:“ der Refrain des Liedes „Halt dich an mir fest“ der Band Revolverheld eingefügt: „Halt dich an mir fest, wenn dein Leben dich zerreißt, halt dich an mir fest, wenn du nicht mehr weiter weißt; ich kann dich verstehen. Halt dich an mir fest, weil das alles ist, was bleibt.“ Danach folgt der Ursprungstext: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Am besten wird der Text so aufbereitet, dass er der Lerngruppe auf dem Whiteboard gezeigt oder für alle kopiert werden kann.

1. In der Hinführung liest die Klasse die verfremdete Perikope Mt 14,22-33 und die Lernenden spekulieren nach einer Spontanphase darüber, an welcher Stelle der Erzählung der Refrain des Popsongs eingeschoben sein könnte ( KV Aufgabe 1).

2./3. Für die Problemstellung löst die Lehrkraft das Rätsel und fragt nach der möglichen Funktion der Methode der Textcollage. Inwiefern avanciert der missglückte Seewandel Petri zum Referenzrahmen einer modernen Beziehungsgeschichte? Die Antworten bleiben zunächst als Thesen im Raum bzw. an der Tafel stehen. Sodann hört die Klasse den Song (Revolverheld: „Halt dich an mir fest“ aus dem Album „In Farbe“, Sony 2010. Das Video kann man auf Youtube abrufen, spontane Reaktionen münden in der Erarbeitung, in einer gezielten Reflexion der ambivalenten seelischen Verfassung des Paares (u.a. aufgewühlte Stimmung, nächtliche Verzweiflung, Halt- und Orientierungslosigkeit, Entfremdung vs. Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, Zuversicht). Da die Hintergründe der Beziehungskrise nur angedeutet werden, macht es Sinn, ihnen mit einer handlungs- und produktionsorientierten Methode kreativ auf die Spur zu kommen: In Gruppenarbeit erstellen die Lernenden eine Chronologie der Beziehung, beginnend beim ersten Kennenlernen, endend mit der im Lied angedeuteten verzweifelten Lage. Dabei sollte nicht einer Scheuklappenmentalität das Wort geredet werden. Oft liegt das psycho-soziale Heil gerade in der Beendigung einer Beziehung. Wenn das lyrische Ich sich hier aber für deren Fortsetzung ausspricht, muss es dafür aus seiner Sicht überzeugende Gründe geben.

4. Präsentation und Auswertung: Die Gruppen stellen ihre Beziehungsentwürfe vor, die Ambivalenz der Bilder in der Songlyrik wird im Plenum unterstrichen.

5. Transfer/Vertiefung: Dann kehrt die Klasse zur Problemstellung zurück und präzisiert die Hypothesen: Inwiefern trägt im Anschluss an die kreativen Entwürfe einer modernen Beziehung die biblische Rahmung zur (religiösen) Deutung der psycho-sozialen Lage der Partner bei? Und umgekehrt: Inwiefern bereichert der Popsong die Interpretation mythischer Bilder jenseits einer supranaturalistischen Auslegung? Die eventuell aufgeworfene Frage, ob das Verfahren denn auch wissenschaftlich legitim sei, könnte vertiefend mit einem exegetischen Text über Naturwunder und/oder über das Konstrukt, Gott in Beziehungen erfahren zu können, beantwortet werden.

Der existenzielle Gewinn der Erschließung biblischer Erzählungen mit Hilfe der Popmusik ist groß. Er setzt den Mut voraus, die Didaktik beim Wort und sich Zeit für eine ausgiebige intertextuelle Textbegegnung zu nehmen. Die Perikope über den Wandel der Angst in Zuversicht ist diesen Tiefgang wert. Sie „mal eben“, also in Hektik zu verhandeln hieße, biblische und moderne Verängstigte im unterrichtsdramaturgischen und theologischen Chaos untergehen zu lassen.

Copyright Textzitate:
Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Überarbeitete Ausgabe © 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart
Halt dich an mir fest. T: Johannes Strate, Kristoffer Hünecke, Niels Kristian Hansen, Jakob Sinn © Rechte bei den Urhebern

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Über den Autor

Priv. Doz. Dr. phil. habil. Volker Garske

Dozent für Religionsdidaktik an der Universität Paderborn; Privatdozent am Institut der Kath. Theologie der Universität Vechta; langjährige Berufserfahrung als Gymnasiallehrer für die Fächer Deutsch und Kath. Religion; Schwerpunkte von Forschung und Lehre: Biblische Didaktik, fiktionale Literatur im RU, Tiefenpsychologie und RU, Klimawandel und christliche Tierethik

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