Organspende als Themenbereich der Medizinethik
Organspende und die damit einhergehende Unterscheidung zwischen der Feststellung des Hirntods im Vergleich zur „klassischen“ Todesvariante Herz-Kreislauf-Versagen stellte die Medizin wie auch die Ethik seit den 1960er-Jahren vor neue Herausforderungen: Gibt es zwei Arten zu sterben? Wie kann der Hirntod zweifelsfrei festgestellt werden?
Für den Einzelnen im weiteren Verlauf zentral ist natürlich auch die Frage: Will oder kann ich Organe spenden, um anderen zu helfen oder widerspricht dies zum Beispiel meinen religiösen Vorstellungen? All dies sind thematische Anknüpfungspunkte, die eine Auseinandersetzung mit der Thematik Organspende im Ethikunterricht rechtfertigen.
Das Thema Organspende im Ethikunterricht
Inhaltliche und didaktische Begründungen
Ab dem 16. Lebensjahr können junge Erwachsene eigenständig entscheiden, ob und wenn ja welche Organe sie spenden wollen. In den meisten Ethiklehrplänen findet die Organspende daher im Bereich der Medizinethik zwischen der 10. und der 13. Jahrgangsstufe Eingang. Die in Deutschland aktuell vorherrschende Entscheidungslösung, das neu eingeführte digitale Organspenderegister, das seit 18. März 2024 online verfügbar ist, sowie die im Mai diesen Jahres gestartete Aktion „OPT.INK“ des gemeinnützigen Vereins „Junge Helden“2, in der aufgefordert wird, sich mithilfe eines Tattoos bestehend aus einem Kreis und zwei Halbkreisen als Organspender:in sichtbar zu machen, zeigen auf, wie aktuell und vor allem im Fluss die Frage nach der Zustimmung zur Organspende ist.
Gerade das Tattoo als neue Idee zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Organspende3, kann den Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren bei der Problematisierung ihrer eigenen Einstellung zur Thematik helfen.
Die Sensibilisierung für das Thema Organspende und die Verantwortung, die (junge) Menschen für eine möglicherweise eintretende Hirntodsituation durch Unfälle oder Krankheiten diverser Art übernehmen müssen, ist zentraler Bestandteil des Ethikunterrichts. Dilemmata und Fallanalysen können in diesem Zusammenhang als wirkungsvolle Methoden dienen, um moralische Entscheidungsprozesse zu schärfen.
Wie ihr das Thema Organspende im Ethikunterricht aufgreifen könnt, findet ihr in diesem detaillierten Unterrichtsvorschlag inkl. Downloadmaterialien:
Das Thema Organspende im Ethikunterricht
Unterrichtsbeispiel für ca. zwei Unterrichtsstunden4
- Als aktuelle Einstiegsmöglichkeit bietet sich das Bild auf KV 1 an – zwei Varianten des meist kostenfrei zur Verfügung gestellten Tattoos der Kampagne „OPT.INK“, an der ca. 700 Tattoo-Studios in ganz Deutschland teilhaben (Stand 1. Juni 2024)5. Das Bild soll als stiller Impuls genutzt werden und zum Thema der Stunde führen. Falls die Lernenden nichts mit diesem Bild anfangen können, könnte die Lehrkraft einen Organspendeausweis zur Hand haben und diesen der Ethikgruppe vorzeigen.
- Als Überleitung zur Hirntodthematik sollte die Frage danach gestellt werden, wer wann Organspender werden kann. So problematisiert die Lerngruppe, dass lediglich eine eher kleine Gruppe von Menschen als Organspender:innen in Frage kommen. Die Realität der zahlreichen Wartenden wird anhand der Statistik der Organspenden in Deutschland aus dem Jahr 2023 (KV 2) deutlich. Eventuell bringen die Lernenden auch Erfahrungen aus dem eigenen Umfeld mit und können von Einzelschicksalen berichten.
- Eine Erarbeitung der Hirntoddiagnostik kann anhand des von der BZgA zur Verfügung gestellten Materials „Wissen kompakt: Organspende. Das Unterrichtsheft“, Seiten 26f.6 stattfinden. Eine mögliche Sicherung der Inhalte wird in einem Tafelbild festgehalten (KV 3). Um didaktisch abzuwechseln, empfiehlt sich, das Thema in zwei Arbeitsbereichen arbeitsteilig erarbeiten und in Form eines kurzen Expertenvortrags vor der Ethikgruppe vorstellen zu lassen. Hierbei kann die Arbeitsgruppe z. B. bereits einen Überblick entwerfen, der während des Vortrags nur noch ergänzt und/oder korrigiert werden muss.
- In einer zweiten Erarbeitungsphase sollen die Lernenden sich mit dem Verlauf der Organspende sowie den verschiedenen Varianten der Entscheidungsmöglichkeiten auseinandersetzen. Auch hierzu gibt es Material im „Wissen kompakt: Organspende. Das Unterrichtsheft“, Seiten 14-17, 20f., 37. Für besonders schnelle und/oder interessierte Lernende können zusätzlich die Informationen auf den Seiten 38f. herangezogen werden, damit sie der Gruppe während der Besprechung Informationen über das Verteilverfahren der Organe mitteilen können. Auch für diese Stundensequenz (eventuell bereits die zweite Unterrichtsstunde) gibt es einen Tafelbildvorschlag (KV 4). Sollten Lehrkräfte hier Betroffene kennen und diese zu einer Darstellung ihrer persönlichen Situation bewegen können, wäre das freilich eine besonders anschauliche Ergänzung für die Lerngruppe.
- Nachdem die Lerngruppe sich der zentralen inhaltlichen Aspekte des Verfahrens und der rechtlichen Aspekte der Organspende bewusst ist, soll eine Dilemmasituation in der Vertiefungsphase dabei helfen, den Sachverhalt multiperspektivisch zu betrachten (KV 5). Hierbei können folgende Schritte innerhalb der Besprechungsphase berücksichtigt werden (vgl. Leben leben 3, S. 214f. ):
- Den vorliegenden Sachverhalt beschreiben:
Schildern der Situation oder des Problems - Sich dem vorliegenden Sachverhalt multiperspektivisch nähern:
Nähern der Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven: z. B. individuelle, gesellschaftliche und/oder ideengeschichtliche/medizinische Perspektive - Die verschiedenen Perspektiven zueinander in Beziehung setzen:
Formulierung einer abschließenden Deutung des Sachverhalts oder Problems im Zusammenhang mit der Zusammenführung verschiedener Perspektiven
- Als Anregung für eine Transferphase, die das Einstiegstattoo noch einmal aufgreift, kann dieses und seine Dauerhaftigkeit eventuell einen Vergleich zu den Blutgruppentätowierungen der SS-Männer während des Nationalsozialismus (Runderlass vom 5. November 1941) an der Innenseite des linken Oberarms darstellen. Anhand dieser konnten die SS-Zugehörigen nach dem Zweiten Weltkrieg leichter von den Alliierten der SS zugeordnet werden. Diese Funktion war ursprünglich nicht intendiert, sondern es sollte eine leichtere korrekte Zuordnung zur Blutgruppe bei einer eventuell notwendig werdenden Bluttransfusion möglich sein. Es wurden lediglich die Blutgruppen, nicht der Rhesusfaktor tätowiert, also A, B, 0 oder AB. Dass die Ziele zur Lebensrettung eines Menschen oder mehrerer Personen beide Kennzeichnungen gemein haben, steht dabei außer Frage. Die ideologisch gänzlich unterschiedliche Idee der Tätowierungen muss dabei natürlich besonders hervorgehoben werden, ebenso wie die unterschiedliche Position der Tattoos und die Größe.
Quellen
1 https://www.organspende-info.de/zahlen-und-fakten/geschichte/ (zuletzt aufgerufen am 2. September 2024).
2 https://junge-helden.org/optink
3 Weitere Informationen oder Videos zur Thematik können in der ZDF-Mediathek eingesehen werden. (zuletzt aufgerufen am 2. September 2024).
4 Dieser Unterrichtsvorschlag bezieht digitales Material sowie Übungen (siehe Medientipps) mit ein, weswegen eine Ausrichtung auf Tabletklassen gegeben ist.
5 https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/tattoo-organspende-optink-junge-helden-100.html (zuletzt aufgerufen am 2. September 2024).
6 Da das Material aus dem letzten Kalenderjahr stammt, muss das Organspenderegister beispielsweise durch die Lehrkraft im Unterrichtsgespräch ergänzt werden.
Habt ihr schon einmal über Organspende nachgedacht und euch eine Meinung gebildet? Ist das Thema in eurem näheren Umfeld (Familie, Peergroup) präsent? Wäre ein Tattoo, das Menschenleben retten kann, für euch eine echte Alternative zum Organspendeausweis?
Kostenlos zum Download
Medientipps
- Verweis auf einen Fall der späten Zuordnung zur SS anhand des Prozesses gegen Josef S.
- Informationen zur Organspende über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
- kleine Testvariante zum Verständnis der Unterscheidung von Hirntod und dem Herz-Kreislauf-Versagen
- Hinweis für in Bayern unterrichtende Lehrkräfte: Es gibt über die Mediathek von ByCS unter dem Suchbegriff „Organspende“ aktuelle Medien (Videos und Podcasts), die ohne datenschutzrechtliche Bedenken im Unterricht eingesetzt und auch mit der Lerngruppe geteilt werden können.








Diese Einheit erscheint mir sehr einseitig – eine Werbeeinheit für Organspende. Es gibt Kontrastimmen, warum werden die hier nicht erwähnt?
Vielen Dank für den Kommentar!
Die vorliegende Unterrichtseinheit ist dazu gedacht, die Lernenden in die Lage zu versetzen, selbst einen Standpunkt zum Thema „Organspende“ zu entwickeln. Die Materialien sind daher so ausgewählt, dass sie Fakten zu dem Thema präsentieren, die Lernenden sich die unterschiedlichen Positionen dazu erarbeiten und sich in der abschließenden Diskussion damit auseinandersetzen. Daher werden hier konkrete Stimmen weder für noch gegen eine Organspende aufgeführt.
Das Team vom Reli-Ethik-Blog
Herzlichen Dank! Eine klassische Pro-/ Kontra- Diskussion sehe ich hier leider nicht, einzig im optional zu bearbeitenden vorgeschlagenen Heft „Wissen kompakt“ ist auf ca. 3 Seiten (von 46 Seiten) eine kritische Postition dargestellt. Organspende greift in den Sterbeprozess ein, das muss diskutiert werden.