Wie Lernende erfahren, dass sie etwas können
Die schulische Realität ist in besonderem Maße durch Bewertungen geprägt. Prüfungen, Klausuren und Noten strukturieren den Alltag von Schülerinnen und Schülern und schaffen einerseits Transparenz über Leistungsstände, andererseits erzeugen sie aber auch erheblichen Druck. Nicht selten führt diese Fixierung auf Ergebnisse dazu, dass Lernprozesse in den Hintergrund treten und die Frage nach der eigenen Kompetenz sich allein in Zahlen ausdrückt. Jugendliche erleben sich dann häufig als fremdbestimmt, ihr Selbstwertgefühl hängt unmittelbar von der Rückmeldung der Lehrkraft ab. In dieser Situation droht die zentrale Dimension von Bildung, nämlich die Entwicklung der Persönlichkeit, unter die Räder zu geraten.
Umso wichtiger ist es, im Unterricht systematisch Räume zu eröffnen, in denen Schülerinnen und Schüler Erfahrungen von Selbstwirksamkeit machen können. Albert Bandura (1997) hat den Begriff der Selbstwirksamkeit als die Überzeugung definiert, durch eigenes Handeln wirksam zu sein und Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Diese Überzeugung entsteht nicht durch abstrakte Belehrung, sondern durch konkrete Erfahrungen: durch das Gelingen von Aufgaben, durch das Überwinden von Schwierigkeiten und durch die Wahrnehmung kleiner, aber bedeutsamer Fortschritte. Gerade im schulischen Kontext, wo Misserfolg schnell sichtbar wird und als Defizit erlebt werden kann, ist es entscheidend, den Blick auf diese Momente der Wirksamkeit zu lenken.
Was konnte ich diesmal besser?
Praxisbeispiel: Nach einer Klassenarbeit können Schülerinnen und Schüler zunächst markieren, welche Aufgaben sie im Vergleich zur letzten Arbeit erstmals richtig gelöst haben. In einer kurzen Austauschrunde („Was konnte ich diesmal besser?“) wird Fortschritt sichtbar, unabhängig von der Gesamtnote. So erleben Jugendliche, dass auch Teilerfolge Wert haben.
Lehrkräfte haben dabei eine Schlüsselrolle. Indem sie Lernprozesse nicht ausschließlich an Noten rückbinden, sondern auch Zwischenschritte und individuelle Entwicklungen sichtbar machen, tragen sie dazu bei, dass Schülerinnen und Schüler die Erfahrung machen: „Ich kann etwas.“ So wird die Aufmerksamkeit von der Frage „Wie werde ich bewertet?“ auf die Erfahrung „Was habe ich geschafft?“ verschoben. John Hattie (2009) hat in seiner vielbeachteten Metastudie „Visible Learning“ gezeigt, dass gerade das gezielte, differenzierte Feedback einen der stärksten Effekte auf den Lernerfolg hat. Entscheidend ist also nicht allein die Bewertung, sondern die Rückmeldung, die Lernende befähigt, ihren eigenen Fortschritt wahrzunehmen.
Das habe ich heute geschafft
Praxisbeispiel: Am Ende einer Gruppenarbeit schreibt jede und jeder auf ein Post-it: „Das habe ich heute geschafft.“ Die Post-its werden an einer Pinnwand gesammelt und von der Lehrkraft aufgegriffen. Auf diese Weise wird sichtbar, dass auch kleine Schritte zählen.
Darüber hinaus ist es von Bedeutung, Jugendlichen Verantwortung zuzumuten. Wer eigene Entscheidungen treffen darf, wer über Lernwege, Methoden oder Produkte zumindest teilweise selbst bestimmen kann, erfährt Autonomie – und erlebt zugleich, dass die eigenen Entscheidungen Konsequenzen haben. Diese Erfahrung unterscheidet sich grundlegend von einem rein instruktiven Unterricht, in dem Schülerinnen und Schüler nur die Vorgaben der Lehrkraft ausführen. Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (2000) belegt eindrücklich, dass Motivation und nachhaltiges Lernen dort entstehen, wo Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit zusammenwirken. Selbstwirksamkeitserfahrungen sind also nicht zufällige Nebenprodukte, sondern zentrale Elemente einer motivierenden Lernumgebung.
Wechselnde Rollen
Praxisbeispiel: In einer Projektarbeit erhalten Gruppen nicht alle Aufgaben fix vorgegeben, sondern die Freiheit, selbst Rollen wie Moderator, Zeitmanager oder Materialverantwortlicher zu verteilen. Jede Woche wechseln die Rollen, sodass jede/r Verantwortung übernehmen muss.
Selbstwirksamkeit bedeutet jedoch nicht, dass Fehler vermieden werden müssen. Im Gegenteil: Entscheidend ist, dass Fehler als Teil des Lernprozesses verstanden werden. Wenn Schülerinnen und Schüler in einem geschützten Rahmen erleben, dass ein Scheitern nicht ihr Können grundsätzlich infrage stellt, sondern ihnen neue Lernchancen eröffnet, dann entsteht eine resiliente Haltung gegenüber Schwierigkeiten. Dies setzt allerdings eine bewusste Fehlerkultur voraus: Lehrkräfte müssen selbst vorleben, dass Irrtümer erlaubt und Lernumwege wertvoll sind. Nur so wird verhindert, dass der Druck, perfekt zu sein, die Selbstwirksamkeitserfahrungen überlagert.
Fehler-Galerie
Praxisbeispiel: Nach einem misslungenen Versuch erstellt die Klasse gemeinsam eine „Fehler-Galerie“. Typische Fehler werden auf Karten geschrieben, mit Tipps versehen und als Lernplakat im Raum sichtbar gemacht. So werden Irrtümer zu Ressourcen für alle.
Besonders nachhaltig wirken Situationen, in denen Lernen nicht abstrakt bleibt, sondern unmittelbar in Handlungen übersetzt wird. Praktische Projekte, soziales Engagement oder handlungsorientierte Unterrichtsformen erlauben es den Jugendlichen, ihre Fähigkeiten in einem realen Kontext zu erproben. Sie erleben, dass ihr Handeln Bedeutung hat – für sie selbst, für die Klassengemeinschaft oder sogar für das gesellschaftliche Umfeld. Diese Erfahrung unterscheidet sich grundlegend von der Bearbeitung standardisierter Prüfungsaufgaben, weil hier nicht nur Wissen reproduziert, sondern Handlungskompetenz sichtbar wird.
Wissen wird Handlung
Praxisbeispiel: In Ethik entwickeln Schülerinnen und Schüler kleine Kampagnen gegen Fake News in Social Media, in Geschichte gestalten sie Stadtführungen zu historischen Orten. In beiden Fällen zeigt sich: Ihr Wissen wird wirksam in Handlung übersetzt – und das stärkt ihr Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Es wäre jedoch unrealistisch zu behaupten, dass der schulische Notendruck gänzlich aufgehoben werden kann. Noten sind fester Bestandteil des Systems und erfüllen wichtige Funktionen der Selektion und Rückmeldung. Aber sie dürfen nicht den alleinigen Horizont des schulischen Lernens darstellen. Selbstwirksamkeit entsteht trotz – oder gerade auch inmitten – dieses Notendrucks, wenn Lehrkräfte bewusst eine Balance schaffen: Einerseits bleibt die Leistungserhebung bestehen, andererseits wird ein pädagogischer Raum eröffnet, in dem Fortschritte, Verantwortung und eigene Wege sichtbar werden. So können Schülerinnen und Schüler erfahren, dass ihre Entwicklung nicht auf Zahlen reduziert wird, sondern dass sie als handelnde, lernende Subjekte ernst genommen werden.
Darauf bin ich diese Woche stolz
Praxisbeispiel: Ein Lernjournal, in dem Schülerinnen und Schüler wöchentlich drei Sätze zu ihrem persönlichen Fortschritt notieren („Darauf bin ich diese Woche stolz“), kann Grundlage für kurze Feedbackgespräche sein. Damit rückt nicht nur die Note, sondern die eigene Entwicklung in den Mittelpunkt.
Letztlich zeigt sich: Die Förderung von Selbstwirksamkeit ist kein Zusatzprogramm und keine Belastung für Lehrkräfte, sondern eine Frage der Haltung. Wer Schülerinnen und Schülern zutraut, Verantwortung zu übernehmen, wer ihre Lernfortschritte sichtbar macht und Fehler als Chancen deutet, der trägt dazu bei, dass sie trotz Notendruck eine stabile, positive Selbstwahrnehmung entwickeln. Diese Erfahrung ist nicht nur für schulischen Erfolg bedeutsam, sondern auch für das Leben jenseits der Schule, wo die Fähigkeit, an Herausforderungen zu wachsen, wichtiger ist als eine einzelne Note.
Eine Toolbox zur Förderung von Selbstwirksamkeit bei euren Lernenden findet ihr auf der KV „Toolbox: Selbstwirksamkeit im Schulalltag fördern“.
Selbstwirksamkeit entsteht, wenn Lernende Erfolge erleben, Verantwortung tragen und Sinn erkennen – auch unter den Bedingungen von Leistungsdruck.
Literaturhinweise
Bandura, A. (1997): Self-efficacy: The exercise of control. New York: Freeman.
Deci, E. L./Ryan, R. M. (2000): Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78.
Hattie, J. (2009): Visible Learning: A Synthesis of Over 800 Meta-Analyses Relating to Achievement. London: Routledge.
Zum Weiterlesen
Blogbeitrag: Der Duke Award – Persönlichkeitsbildung und Zukunftskompetenzen hautnah erleben








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