Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Von euch für euch – Interview mit einer Lehrerin für Katholische Religion: „Finde einen Bezug zur Lebenswelt!“

In unserer Interviewreihe „Von euch für euch“ kommt ihr zu Wort: Hier gibt es Tipps zur Unterrichtspraxis aus erster Hand! Dieses Gespräch haben wir mit Odile Fery, Lehrerin für Katholische Religion an einer Gemeinschaftsschule geführt.

Hi, mein Name ist Odile Fery, ich bin 34 Jahre alt und ich habe tatsächlich schon fast alles unterrichtet. Eigentlich sind meine Fächer Geschichte und katholische Religion, aber hey: Es herrscht Lehrkräftemangel, also habe ich seit dem Ende meines Referendariats 2022 auch Arbeitslehre, Beruf und Wirtschaft, Kunst, Musik, Englisch und natürlich Ethik unterrichtet. In meiner Freizeit mache ich Handarbeit, vor allem Häkeln, lese gern oder schreibe selbst (zum Beispiel als Mitautorin am neuen Einfach Leben 1, Ausgabe S).

Wie begeisterst du deine Lernenden für das Fach Religion?

Lebensweltbezug!
Klar mag ich mein Fach – auch wenn ich der Meinung bin, dass der Religionsunterricht dringend reformbedürftig ist, um seine Relevanz nicht zu verlieren. Aber meine Begeisterung allein reicht nicht aus, um beispielsweise Achtklässler:innen an einer Gemeinschaftsschule dazu zu motivieren, sich begeistert mit der Reformation auseinanderzusetzen. Das ist erstmal trocken und langweilig und „Wozu brauche ich das überhaupt?“. Mein Tipp: Finde einen Bezug zur Lebenswelt der Lernenden. Zum Beispiel: Ihr dürft in der Schule keine Mützen/Kappen tragen. Was haltet ihr davon? Würdet ihr was sagen? Unterrichtsfrage: Darf man Autoritäten kritisieren? Und schon sind wir bei Luther. Lebensweltbezug motiviert im Einstieg, sollte da aber nicht aufhören, sonst ist die Motivation direkt verpufft. Immer wieder die Frage aus Sicht der Kinder in den Blick nehmen: Was hat das mit mir zu tun? Was kann ich für mein Leben mitnehmen?

Was ist dein bester Unterrichtsstart für müde Lerngruppen?

Zugeben, dass ich selbst auch müde bin. Musik – kurz zusammen Party machen und wach werden. Den Lernenden den Ablauf des Unterrichts visualisieren, um Transparenz und Sicherheit zu geben, aber auch, damit sie sich daran entlanghangeln können und wissen, auch wenn ihnen gerade etwas schwerfällt oder langweilig ist, es geht vorbei.

Ich finde es generell wichtig, dass die Lernenden wissen, dass es okay ist, müde zu sein, dass es okay ist, einen schlechten Tag zu haben. Lernende müssen nicht immer motiviert mitarbeiten. Sie dürfen sich auch einfach mal zurückziehen und ihrem Bedürfnis nach Ruhe, soweit es möglich ist, nachgehen. Sie dürfen mir jederzeit sagen, wenn sie heute nicht mitarbeiten oder reden möchten, weil sie es nicht schaffen, und sie dürfen darauf vertrauen, dass ich das akzeptiere und für sie da bin, wenn sie darüber sprechen möchten.

Was ist dein ultimativer Tipp gegen Unterrichtsstörungen?

Allgemein und grundlegend für ein gutes Unterrichts- und Lernklima sind meiner Meinung nach Selbstreflexion, Unterricht auf Augenhöhe und Beziehungsarbeit – die Kinder ernst zu nehmen ist bare minimum als Lehrkraft! Verhalten hat immer Gründe, auch wenn wir sie nicht sehen.

Für die konkrete Unterrichtssituation stellt sich die Frage: Was ist für mich eine Unterrichtsstörung? Spielt ein Kind mit dem Geodreieck, weil es seine Hände beschäftigt halten muss, oder malt zur besseren Konzentration im Plenumsgespräch, ist das nicht gleich eine Unterrichtsstörung. Müssen sich Kinder 45 oder sogar 90 Minuten lang völlig still verhalten? Was als Unterrichtsstörung gesehen wird, ist immer kontext- und situationsabhängig. Besonders wichtig ist an der Stelle auch die Selbstreflexion! Hier hilft mir die Frage, die eine Referentin im Mutti-Treff zum Thema Trotzphase in den Raum gestellt hat: Halte ich gerade selbst zu sehr an meiner Vorstellung fest, wie diese Situation verlaufen soll, will dem Kind meinen Willen aufzwingen und bin damit vielleicht ich diejenige, die gerade nicht kompromissbereit ist? Heißt konkret: Bin ich nach einem anstrengenden Morgen mit zu wenig Kaffee überreizt, will meine Stunde wie geplant halten, aber das Klappern des Geodreiecks bringt mich auf die Palme? Oder stört es tatsächlich den Ablauf meines Unterrichts? Mir persönlich ist es auch wichtig, mich bei den Lernenden zu entschuldigen, wenn ich merke, dass ich überreagiert habe. Auch als Lehrkraft darf und sollte man Fehler eingestehen.

Bei kleineren tatsächlichen Störungen einzelner Lernenden interveniere ich bewusst nicht immer oder reagiere nonverbal, verändere die Position im Raum, Blickkontakt etc. Für die Klasse haben wir verschiedene Ruhesignale wie Handzeichen, Gong oder Call-Response-Rituale (z. B. Lehrkraft: „Wer wohnt in der Ananas ganz tief im Meer?“ – Klasse so laut sie kann: „SpongeBob Schwammkopf“ – danach absolute Ruhe). Bei anhaltenden Störungen spreche ich nach der Stunde mit der oder dem betreffenden Lernenden über das Verhalten. Wir reflektieren, manchmal gibt es eine kleine Zusatzaufgabe, z. B. einen wichtigen Begriff zum Stundenthema noch einmal nachschlagen. Wenn größere Unruhe entsteht, z. B. durch einen Vorfall in der Pause, nehmen wir uns kurz Zeit dafür oder vereinbaren Einzelgespräche. Manchmal ist Beziehungspflege die sinnvollste „Unterrichtsmaßnahme“.

Wie greifst du aktuelle Themen im Unterricht auf?

Ich spreche in jeder Klasse zu Beginn des Schuljahres die Themen durch, die auf dem Lehrplan stehen. Dann überlegen wir, welche Themen die Kinder außerhalb des Lehrplans besonders interessieren (zum Beispiel Hate Speech, Schönheitsideale etc.). Manchmal gebe ich Themen mit vor, die interessant sein könnten. Dann stimmen wir ab, welches Thema wann im Schuljahr behandelt werden soll, worüber die Lernenden zuerst sprechen möchten usw. Außerdem stimmen wir ab, mit welcher Methode sie das Thema bearbeiten wollen, z. B. Wochenplan, „normaler“ Unterricht, Erklärvideo drehen etc. Zum Schluss wird überlegt, zu welchen Themen Leistungsnachweise passen und geschrieben werden sollen. So sind die Lernenden komplett involviert und entscheiden mit, was im Schuljahr gemacht wird. Sie können ihre eigenen Interessen und Themen einbringen.

Zudem bin ich auf Social Media unterwegs, versuche aktuelle Themen von dort aufzugreifen oder lasse mich von Bildungsinfluencer:innen wie beispielsweise Frau Waibel inspirieren. Auch aktuelle politische Themen versuche ich immer wieder aufzugreifen. So haben wir diskutiert, ob Tyrannenmord moralisch zu rechtfertigen ist. Gleichzeitig bin ich immer offen für Themen, die die Lernenden im Laufe des Schuljahres benennen und mitbringen. So hat meine 7. Klasse sich z. B. gewünscht, über den Nahostkonflikt zu sprechen. Also haben wir die vorherige Reihe etwas gekürzt, um das Wunschthema zwischenzuschieben.

Wie differenzierst du im Unterricht?

Das Thema Differenzierung fällt mir leider immer noch schwer. Ich versuche es durch verschiedene und abwechselnde Erarbeitungsmethoden, sodass alle Lernenden Möglichkeiten haben, ihr Potenzial zu zeigen. Außerdem versuche ich nach Möglichkeit Wahl- und Pflichtaufgaben zu erstellen oder Sprinteraufgaben für schnelle Lernende zu gestalten. Größere Schrift, weniger Text, mehr Unterrichtsgespräche für Lernende, die sich mit dem Schreiben schwerer tun, und visualisierte Arbeitsanweisungen und Zeitangaben mit ablaufender Zeit für Lernende, die ein organisiertes Umfeld brauchen. Zudem arbeiten wir z. B. mit ruhiger Musik, Lärmschutzkopfhörern, Pausenkarten oder Arbeiten im Stehen. Je nachdem, was die oder der jeweilige Lernende braucht.

Vielen Dank für das Gespräch, Odile Fery!

PS: Habt ihr Lust, bei unserer Interviewreihe mitzumachen und unsere Fragen zu beantworten? Dann schreibt einfach eine E-Mail an reli-ethik@klett.de! Wir freuen uns auf viele interessante Gespräche und einen wertvollen Erfahrungsaustausch hier in unserem Blog.

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Über die Autorin

Barbara Nüllmann

Ich bin Redakteurin für Religion und Ethik beim Ernst Klett Verlag. Mit meinem Studium der Katholischen Theologie und Germanistik im Gepäck macht es mir große Freude, Bildungsmaterialien für den Religionsunterricht zu entwickeln.

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