Mein Name ist Laura und ich unterrichte seit 2017 Englisch sowie Werte und Normen an einem Gymnasium in Niedersachsen. Zudem bin ich als Fachberaterin für das Fach Werte und Normen an den Grundschulen und Sekundarschulen sowie als Schulbuchautorin tätig.
Wie begeisterst du deine Lernenden für das Fach Werte und Normen?
Wir wünschen uns häufig, dass die Schülerinnen und Schüler intrinsisch motiviert sind. Dies ist jedoch im Schulkontext mit einer Vielfalt von Fächern utopisch. Daher versuche ich mit verschiedenen Vorgehensweisen, die externe Motivation zu nutzen. Zuerst beginne ich bei mir selbst: Wenn ich begeisterte Lehrkraft bin und für mein Fach brenne, kann diese Motivation auf die Kinder übertragen werden. Ich verstehe mich als mitlernende Person, die in jeder Stunde neue Impulse gewinnen und durch Aussagen der Kinder mitlernen kann. Dies führt zu einer neugierigen Haltung meinerseits. Diese Neugierde möchte ich auch in der Klasse wecken, z. B. durch alltagsnahe Beispiele, die ein Betroffensein auslösen. Oder durch das Aufwerfen von Problemen und zentralen ethischen Fragestellungen, die alle Menschen betreffen. Zentral finde ich auch immer die Frage: Was bringen uns diese Erkenntnisse nun? Was haben sie mit unserem Alltag oder mit unserem Leben zu tun? So bekommen die Lernenden das Gefühl, dass ihnen das neue Wissen etwas nützt. Ich denke aber auch, dass man sich als Lehrkraft von dem Druck befreien muss, jeden immer begeistern und motivieren zu können. Wenn mir ein Kind nach einer Stunde sagt, dass man im Werte-und-Normen-Unterricht etwas fürs Leben lernt oder man beginnt, über sich nachzudenken, dann ist schon sehr viel erreicht.
Was ist dein bester Unterrichtsstart für müde Lerngruppen?
In trägen oder sehr müden Lerngruppen am Montagmorgen finde ich Bewegung gekoppelt mit Inhalten wichtig. Als Ritual nutze ich in manchen Klassen z. B. die Methode des Omniumkontaktes, die ursprünglich aus der Fremdsprachendidaktik stammt. Dabei bewegen sich die Lernenden frei im Raum und suchen sich einen Gesprächspartner, um z. B. eine Frage zu diskutieren. Auf ein vereinbartes Signal wechseln sie den Gesprächspartner, sodass sie in kurzer Zeit mit vielen Meinungen von verschiedenen Personen konfrontiert werden. In Jahrgang 5 und 6 nutze ich gerne Bildkarten, von denen sich die Lernenden eine aussuchen, je nachdem, welche sie heute anspricht und wie ihr heutiges Befinden ist. Anschließend tauschen sie sich ebenfalls im Omniumkontakt darüber aus, weshalb sie zu dieser Karte gegriffen haben.
Was ist dein ultimativer Tipp gegen Unterrichtsstörungen?
Den einen ultimativen Tipp hätte ich gerne 😜. Bei Unterrichtstörungen ist es meiner Ansicht nach wichtig, die Situation holistisch zu betrachten und wie so häufig bei sich selbst anzufangen: Gibt es im Unterrichtsverlauf Phasen, in denen ich ggf. selbst den Unterricht störe? Kann ich kleine Stellschrauben am Classroom Management drehen, um Störungen zu vermeiden? Bei Mikrostörungen hilft es manchmal schon, Blickkontakt aufzunehmen oder den Namen der störenden Person zu nennen. Wenn eine gesamte Klasse z. B. nach einer Arbeitsphase unruhig ist, stelle ich mich in die Mitte des Raumes und warte ab. Im Normalfall verstehen die meisten dann ganz schnell, dass Ruhe gewünscht ist. Bei mehrfachen, immensen Störungen durch dieselbe Person ist es unerlässlich, ein Gespräch anzuregen. So kann man eventuell Gründe für die Störung und für das Verhalten herausfinden und gegenwirken. Um eine möglichst störungsfreie Atmosphäre zu generieren, finde ich die Beziehungsarbeit enorm wichtig. Wenn alle Beteiligten – sowohl Lehrkraft als auch Lernende – sich wohlfühlen und eine konstruktive Feedbackkultur herrscht, erlebe ich weniger Störungen. Ich versuche, meinen Unterricht mit einer freundlichen Bestimmtheit zu gestalten, die Kinder und Jugendlichen sollen und dürfen Fehler sowie Witze machen und gleichzeitig muss klar sein, wenn fokussiert gearbeitet werden soll.
Wie greifst du aktuelle Themen im Unterricht auf?
Das Weltgeschehen hat einen immensen Einfluss auf unser tägliches Handeln, unsere Denkweise und unsere Emotionen. Zu Beginn der Stunde nutze ich häufig die Blitzlicht-Methode, um aktuelle Einflüsse auf das Wohlbefinden der Kinder abzufragen. So kommt man schnell und simpel zu aktuellen Themen. In meinem Oberstufenkurs sollten die Lernenden zu zweit immer zu Beginn der Stunde eine aktuelle Schlagzeile aus den Nachrichten vorstellen und ethische Fragen dazu aufwerfen, die dann im Kurs diskutiert wurden.
Wie differenzierst du im Werte-und-Normen-Unterricht?
ChatGPT ist heutzutage wirklich eine Erleichterung. Texte lasse ich in verschiedenen Schwierigkeitsstufen zusammenfassen oder erstelle Glossare zur Texterschließung. Bei Kindern mit Sprachschwierigkeiten helfen Bildimpulse und kurze Sätze bzw. Schlagwörter. Zudem nutze ich kooperative Lernmethoden wie das Lerntempoduett, sodass die Lernenden in ihrem Tempo arbeiten und ihre Aufgaben mit anderen vergleichen können. Im Unterrichtsgespräch oder in Diskussionsphasen nutze ich gerne Talking Chips, um einen ähnlich hohen Redeanteil für alle zu gewährleisten. Dazu bekommen die Lernenden jeweils drei Talking Chips. Nach jedem Redebeitrag wird eines ihrer Chips in die Mitte gelegt. Wer keines mehr hat, muss warten, bis alle übrigen in der Mitte liegen.
Vielen Dank für das Gespräch, liebe Laura!
PS: Habt ihr Lust, bei unserer Interviewreihe mitzumachen und unsere Fragen zu beantworten? Dann schreibt einfach eine E-Mail an reli-ethik@klett.de! Wir freuen uns auf viele interessante Gespräche und einen wertvollen Erfahrungsaustausch hier in unserem Blog.


Ein tolles Interview! Ich freue mich immer, wenn ich lese, dass Lehrer:innen für ihr Fach „brennen“! So sollte es sein!