Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Von euch für euch – Interview mit einer Lehrerin für Katholische Religion: „Was kann mir Religion bieten?“

In unserer Interviewreihe „Von euch für euch“ kommt ihr zu Wort: Hier gibt es Tipps zur Unterrichtspraxis aus erster Hand! Dieses Gespräch haben wir mit Lisa Gillmann aus Baden-Württemberg geführt.

Mein Name ist Lisa Gillmann und ich bin Lehrerin für die Sekundarstufe I. Ich habe die Fächer Deutsch, Katholische Religion und Geschichte studiert sowie einen Masterabschluss in Bildungswissenschaften. Meine ersten Dienstjahre absolvierte ich an einer Gemeinschaftsschule im Raum Stuttgart. Inzwischen bin ich an der Werner-von-Siemens-Realschule in Kuppenheim. Außerdem schreibe ich als Autorin für die Lehrwerksreihe Einfach Leben, Ausgabe S.

Wie begeisterst du deine Lernenden für das Fach Religion?

Machen wir uns als Religionslehrkräfte nichts vor: Die Zahl der konfessionslosen Menschen in Deutschland steigt, die Lernenden, die im Religionsunterricht sitzen, sind kaum noch religiös geprägt und manch einer weiß nicht einmal, warum er diesen Unterricht überhaupt besucht. Umso wichtiger ist es, diese Lebenswelt ernst zu nehmen und daran anzuknüpfen. Es bringt wenig, mit Lernenden das Vaterunser beten zu wollen, wenn einige den Text nicht kennen und keinerlei Bedeutungsbezug dazu haben. Hier knüpfe ich erst einmal mit grundlegenden Fragen an: Was kann mir Religion bieten? Wozu dieser Unterricht? In welchen Lebenslagen können mir Gebete Kraft geben? Mit wem kann ich sprechen, wenn ich mich allein fühle?

Wichtig sind dabei zwei Aspekte. Zum einen Authentizität: Wenn die Lernenden merken, dass ich ganz selbstverständlich über Gott und Glauben spreche und selbst hinter dem Gesagten stehe sowie eine positive Grundhaltung vermittle, öffnen sie sich oftmals selbst und gehen begeisterter ins Unterrichtsgespräch. Zum anderen die Akzeptanz und Zwanglosigkeit: Wenn die Lernenden spüren, dass ich von ihnen keine Glaubensaussagen verlange und auch akzeptiere, dass sie selbst (noch) keinen persönlichen Bezug finden, sondern nur die Bereitschaft zur Reflexion und Thematisierung erwarte, gehen sie unbefangener an die Unterrichtsinhalte heran. Jüngere Lernende geraten dann gerne ins Erzählen von sich selbst, während ältere zur kritischen Diskussion ermuntert werden.

Was ist dein bester Unterrichtsstart für müde Lerngruppen?

Gerne bediene ich mich auch im Religionsunterricht dem Mittel der Provokation und Aufwerfen einer Problemstellung. Sei es durch eine Karikatur/einen Comic oder eine überspitzte Aussage wie „Also, ich würde ja niemals jemandem, der auf der Straße bettelt, etwas geben – wer weiß, ob er sich nicht Alkohol kauft?“ oder „Massentierhaltung ist doch okay, die Tiere wurden ja von Gott für den Menschen geschaffen.“

Wenn noch körperliche Aktivierung nötig ist, nutze ich gerne die Positionslinie, d. h. die Lernenden stellen sich gemäß einer Aussage von „stimme ich voll zu“ bis „stimme ich gar nicht zu“ in einer Linie auf.

Was ist dein ultimativer Tipp gegen Unterrichtsstörungen?

Transparenz und eine Mitte zwischen Sanktion und Belohnung finden. Die Lernenden müssen die Regeln kennen und wissen, welche Maßnahme sie erwartet. Gleichzeitig sollten sie sich durch gutes Verhalten auch Belohnungen verdienen können. Bei mir wissen die Lernenden, dass z. B. die Teilnahme am Sitzkreis oder die Arbeit mit dem iPad von ihrem Verhalten abhängt.

Gerade in Religion und Ethik sind Unterrichtsstörungen allerdings ohnehin häufiger vorzufinden, weil die Lerngruppen oft aus verschiedenen Klassen und manchmal sogar Jahrgangsstufen bestehen, sodass dieser Unterricht durch die neue Konstellation automatisch für Aufregung bei den Lernenden sorgt. Oft reicht es schon, sich das als Lehrkraft auch bewusst zu machen, um gelassener an alles heranzugehen.

Wie greifst du aktuelle Themen im Unterricht auf?

In älteren Klassen lese ich gerne Zeitungsartikel und lasse diese dann von den Lernenden in Bezug zum Fach bzw. zum Unterrichtsthema stellen. Gemeinsam wird dann recherchiert und ein Fazit gezogen. In jüngeren Klassen verpacke ich die Themen eher in eine selbst ausgedachte Erzählung.

Wie differenzierst du im Unterricht?

Hin und wieder verwende ich auch im Religionsunterricht die klassische G/M/E-Differenzierung nach Operatoren. Wobei es ein Trugschluss ist zu denken, dass die Lernenden auf G-Niveau nicht analysieren, bewerten, entwickeln und deuten sollen oder dies gar nicht erst könnten. Daher versuche ich eher, die gleiche Aufgabenstellung einzusetzen und für leistungsschwächere Lernende Hilfsangebote zu schaffen, sei es durch Tippkarten oder Worterklärungen oder eine Mindestvorgabe an Wörtern, die verfasst werden sollen. Leistungsstärkere Lernende schreiben oft automatisch mehr und bringen unterschiedliche Aspekte ein, während leistungsschwächere sich kürzer fassen. So lange jede und jeder Lernende am Ende zu einer Deutung oder Bewertung auf ihrem bzw. seinem Leistungsniveau gelangt, ist das Lernziel erreicht.

Noch besser finde ich es, wenn es verschiedene Ansätze zur Bearbeitung gibt, beispielsweise die Möglichkeit, eine Vorstellung wahlweise durch ein Bild, einen Text oder eine kurze Spielszene zum Ausdruck zu bringen. Auf diese Weise wählen alle Lernenden ihren je eigenen Zugang.

Vielen Dank für das Gespräch, Lisa Gillmann!

PS: Habt ihr Lust, bei unserer Interviewreihe mitzumachen und unsere Fragen zu beantworten? Dann schreibt einfach eine E-Mail an reli-ethik@klett.de! Wir freuen uns auf viele interessante Gespräche und einen wertvollen Erfahrungsaustausch hier in unserem Blog.

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Über die Autorin

Barbara Nüllmann

Ich bin Redakteurin für Religion und Ethik beim Ernst Klett Verlag. Mit meinem Studium der Katholischen Theologie und Germanistik im Gepäck macht es mir große Freude, Bildungsmaterialien für den Religionsunterricht zu entwickeln.

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