Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Warum die Natur schützen? Lerneinheit Umweltethik (Teil 1, bis Klasse 7)

Die Bedeutung unserer natürlichen Lebensgrundlagen wird uns heute oft nur noch durch Katastrophen in Erinnerung gerufen (Lebensmittelskandale, unsauberes Trinkwasser, Bienensterben, Zunahme von Überflutungen und Stürmen, Smog etc.). Denn vielfach sind wir in künstlichen Lebenswelten von Naturerfahrungen entfremdet. Doch was man nicht wahrnimmt, kann man nicht wertschätzen! Der folgende Unterrichtsvorschlag zur Umweltethik setzt daher an der Erfahrung von Kunstnatur an, um anschließend unser Naturverhältnis zu problematisieren.

Umweltethik: Anregungen für eine Unterrichtsreihe in Grundschule und Unterstufe

Für Lernende in Klasse 1 – 5

Hier empfehle ich einen haptischen Einstieg: Ein Arrangement von täuschend echten Naturimitaten (künstliches Obst, Plastikpflanzen, Seidenblüten, ein Schmetterling, vielleicht auch ein sehr echt aussehendes Plüschtier) wird auf einem Tisch zusammengestellt, ohne weiteren Kommentar. Das Ganze muss befühlt werden! Äußerungen von Lernenden („Ist ja alles gar nicht echt!“) führen zu der Frage: „Wie kann man Kunstnatur von echter Natur unterscheiden?“ (Was ist das überhaupt? Sie ist ja vielfach überformt und gestaltet, „kultiviert“.) Mögliche Antworten – „Wenn man auch in den Apfel reinbeißen kann.“, „Wenn Blumen auch verwelken und duften.“, „Wenn man den Hund auch füttern muss.“, „Wenn der Schmetterling auch davonfliegen kann.“ – sind dann Basis für weitere begriffliche Klärung. Bereits Aristoteles hatte ein Beispiel gegeben: Wenn man statt einer Pflaume ein Bett einpflanze, entstehe daraus nicht wieder ein weiteres Bett. Es ist eben „gemacht“ und nicht „geworden“. Hierhin passt auch die scholastische Unterscheidung von Naturdingen („natura naturata“) wie einer Pflaume und der erschaffenden Natur („natura naturans“), d. h. den lebendigen Wirkkräften der Natur, die immer wieder Neues hervorbringen können („creatio continua“).

Auch geeignet für diese Einstiegsebene ist Andersons Märchen vom Schweinehirt, in dem die Prinzessin Kunstnatur (wie einen automatischen Vogel mit Kunstgesang oder eine künstliche Rose) höher schätzt als die naturhaften Originale (ihr erinnert euch sicher: Das Märchen schließt mit dem Lied „Ach Du lieber Augustin, alles ist hin“).

Für Lernende bis Klasse 7

Hier empfehle ich die sehr motivierende Methode des Gedankenexperiments, angeregt durch utopische Romane und Erzählungen, wie z. B. E. M. Fosters „Die Maschine steht still“ (die Erdoberfläche ist unbewohnbar geworden, man lebt isoliert voneinander in Kammern unter der Erde, und alle menschlichen Bedürfnisse (alle?) werden von einer großen Maschine bedient). Es eignen sich auch E. Callenbachs „Ökotopia“ oder B. F. Skinners „Futurum II“, in dem sich eine Kommune im Wald zwar naturnah, aber mit strenger Reglementierung zusammenfindet. Wie wollen wir wirklich leben?

Positiv- und Negativutopien können zu eigenen Gedankenexperimenten anregen. Hans Jonas hatte einst in seinem „Prinzip Verantwortung“ eine „Heuristik der Furcht“ empfohlen: Man möge sich das schlimmstmögliche Szenario ausdenken und angesichts dieser Vorstellung lernen und handeln. Was kann man tun, und wie handeln, um unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen?

Der Rousseau zugeschriebene Slogan „Zurück zur Natur“ kann als Anregung dienen: Viele der in der Philosophie entwickelten anfangs utopischen Werte haben schließlich ihren Weg in unsere Welt gefunden (Beispiele?).

In Gruppen könnten eigene Utopien („Ökotopien“) entworfen (vorherige Ideensammlung!) und verschriftlicht werden, vielleicht sogar in Form einer Geschichte.

Und was heißt schließlich „Ökologie“ als Leitlinie der Entwürfe (hilfreich: die Aufsätze in Reclams „Ökologischer Ethik“)? Hierhin passt auch der aus der Philosophie stammende (aber schon auf Goethe zurückgehende) Vorschlag, statt „Um“welt „Mit“welt zu sagen, da nicht alles um dem Menschen herum und auf ihn hin geordnet ist. Denn wir sind doch vielfältig in Naturzusammenhänge eingebettet.

Abschließend stellen die Lernenden die Entwürfe vor und stimmen ab, welcher Entwurf wohl von der Klasse als der beste empfunden wird. Natürlich nicht ohne sich anschließende Begründung, damit Sympathien oder Antipathien bei der Abstimmung keine Rolle spielen. Es könnte sich die Frage anschließen, was überhaupt eine gute Begründung ist, und welche Ideen tragfähig scheinen. (Callenbach hatte schon 1975 Elektrotaxis und Smartphones vorgeschlagen) Das hohe Maß an (gelenkter) Eigenaktivität sorgt für einen hohen Erinnerungswert des Stoffes.

Die Bereitschaft, natürliche Lebensgrundlagen verantwortungsvoll zu schützen und zu befördern, kann so durch methodisch angeleitete Reflexion schon für jüngere Lernende angeregt werden.

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Über die Autorin

Dr. Gabriele Münnix

Dr. Gabriele Münnix war hauptamtliche Dozentin für Philosophie und ihre Didaktik an einem Institut für Lehrkräftefortbildung, bevor sie in die Lehrkräfteausbildung an die Universitäten Münster (Didaktik) und Innsbruck (Fachphilosophie) wechselte. Im. Ruhestand freiberufliche Autoren- und Vortragstätigkeit (Sprachen Deutsch, Englisch,Französisch). Sach- und Schulbuchautorin, u.a. 4 Klett-Schulbücher. Ehrenpräsidentin der Association Internationale des Professeurs de Philosophie.

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