Einer der schwierigsten – unverständlichsten, märchenhaftesten, überflüssigsten? – Feiertage ist wahrscheinlich Christi Himmelfahrt, besser bekannt als: Vatertag. Einspruch! Ja, dazu gleich mehr. Es überrascht deshalb auch nicht besonders, dass gelegentlich die Frage diskutiert wird, warum es bestimmte oder überhaupt christliche Feiertage weiterhin geben muss, wenn doch die Mehrheit der Bevölkerung mittlerweile keiner christlichen Kirche mehr angehört.
Zurück zum Himmelfahrtsfest! Sicher darf man als bekannt voraussetzen, dass es neben dem „Himmel“ als dem astronomischen Raum, der Stratosphäre, dem Weltraum, auch noch einen metaphorischen „Himmel“ gibt. Für manche sind die Verstorbenen „im Himmel“, traditionell ist Gott in irgendeiner Weise „im Himmel“. Aber auch ganz unreligiös gesprochen gibt es das „himmlische Vergnügen“, man kann „Himmel und Hölle in Bewegung setzen“ oder sich fühlen „wie im Himmel“. Was ist damit gemeint? Doch sicher etwas sehr Schönes, Erhabenes, Überhöhtes; der Himmel ist ein positiver Superlativ, das Himmlische ist ein Widerfahrnis, ein Glücksgefühl. Aber zugleich ist es ganz sicher nicht automatisch und für alle Menschen etwas Religiöses oder gar die Sphäre des biblischen Gottes. Kurzum: Es gibt den astronomischen, physikalischen – aber auch den mythischen, metaphorischen und religiösen Himmel. Bekanntlich gelingt diese Unterscheidung im Englischen einfach durch die Begriffe sky und heaven. Hinzu kommt eine zweite Unterscheidung, die ebenfalls bereits angedeutet wurde. Es ist die Unterscheidung, die im Begriff heaven selbst angelegt ist. Ist der heaven immer der Himmel Gottes? Nein, und auch im Englischen kann heaven und heavenly sowohl religiös als auch metaphorisch gebraucht werden.
Mit diesen beiden Unterscheidungen – sky und heaven, religiös und metaphorisch – bekommt man es auch bei der „Himmelfahrt“ zu tun. Deshalb kann man sagen, Jesus, der „gen Himmel fährt“ oder „in den Himmel aufsteigt“, wie es im Glaubensbekenntnis heißt (adscendit ad coelos, „aufgefahren in den Himmel“), steigt zwar nicht auf in die Stratosphäre; er ist kein Raumfahrer, kein Raketenmann. Aber der Blick „nach oben“, „zum Himmel“, ist bereits biblischen Ursprungs.
Biblisch und vor allem im Neuen Testament taucht der Himmel außerordentlich häufig auf. Den Bericht von der Himmelfahrt des Auferstandenen gibt es lediglich beim Evangelisten Lukas. Die Stellung der Himmelfahrt ganz am Ende des Lukasevangeliums bzw. gleich zu Beginn der Apostelgeschichte macht die Himmelfahrt Jesu in mehrfacher Hinsicht zu einer Gelenkstelle. Das ist der Ertrag der biblischen Nachfrage.
Aber was feiern wir an Himmelfahrt?
Im Unterschied zu Weihnachten und Ostern gibt es zu Himmelfahrt kein an den biblischen Inhalt anknüpfendes Brauchtum (mehr). Und so gibt es an Himmelfahrt auch nichts, was man – wie etwa zu Weihnachten die Geschenke, die Liebe, das Licht, oder an Ostern die Eier, das neue Leben in der Natur usw. – mit biblischen Elementen verknüpfen und wieder religiös aufwerten könnte. Wenn man aber die Deutungshoheit über Himmelfahrt nicht gänzlich an Junggesellen, Ausflugslokale und Brauereien abtreten will, muss man sich ein theologisches Konzept für den Feiertag „Christi Himmelfahrt“ aneignen.
Das ist didaktisch reizvoll: Wir erfinden unser Verständnis von Himmel und Himmelfahrt. Hier wird vorgeschlagen, mit „Himmelfahrt“ nicht etwa Jesus zu entlassen in den unbegreiflichen, irrealen mythologischen Himmel, sondern umgekehrt: Wir ergänzen das Vaterunser-Zitat in der Überschrift („Wie im Himmel, …“) mit den Worten: „…so auf Erden!“1. Anders ausgedrückt:
Himmelfahrt ist nicht eine Chiffre für die unendliche Ferne Gottes, sondern für seine universale Nähe.
Biblische Befunde
Der „Himmel“ ist in der gesamten Bibel ein Schöpfungswerk Gottes – „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, Gen 1,1 – und zugleich Gottes Wohn- und Aufenthaltsort. Sprich: Gott ist in der Welt, aber an einem Ort, der für den antiken Menschen schlechterdings unerreichbar ist. Allein im Neuen Testament taucht der Himmel je nach Übersetzung ca. 250- bis 300-mal auf, besonders im Matthäusevangelium. Das Vaterunser ruft Gott als „unseren Vater im Himmel“ an. Deshalb kann Gott auch als der „himmlische Vater“ (Mt 6,14) bezeichnet werden, das Reich Gottes heißt in Jesu Verkündigung häufig einfach das „Himmelreich“ (Mt 5,3.10).
Kurzum: Gott und Himmel gehören zusammen. Und wenn Jesus Gottes Sohn ist, dann gehört er auch in den Himmel. Insofern ist es eher überraschend, dass die biblische Überlieferung der „Himmelfahrt“ Jesu nach seiner Auferstehung recht schmal ist: Nur das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte kennen die „Himmelfahrt“, und ein Vergleich der beiden Belege (Lk 24,50–53 und Apg 1,1–3 und Apg 1,9) lohnt sich (siehe KV „Himmelfahrt Jesu“ und KV „Was kommt nach der Auferstehung Jesu?“). Während es in Lk 24,51 immerhin noch heißt, der auferstandene Christus sei nach der Unterweisung der Jünger „hinaufgehoben worden zum Himmel“, heißt es in Apg 1,9 nur lapidar, dass Jesus „aufgehoben wurde von einer Wolke“. In Vers 10 erfährt man wenigstens die Richtung der Aufhebung Jesu: gen Himmel. Weiterführend ist in beiden Textstellen der Kontext der Himmelfahrt. Vorausgegangen ist die Auferstehung Jesu. Nun begegnet der Auferstandene den Seinen, indem er dasselbe tut wie vor seiner Kreuzigung: Er weist hin auf das Reich Gottes und beauftragt die Gläubigen, seine Botschaft weiterzubezeugen. Das findet sich ebenso in den anderen Evangelien (Mt 28: „Taufbefehl“; Joh 20,19–31: Jesus, die Jüngerinnen und Jünger und Thomas; Mk 16,9–20: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“ [V. 15]). Und dann wird in Erinnerung gerufen und bekräftigt: Der da spricht und beauftragt und sendet gilt als der Gottessohn, als Gott selbst. Das ruft die „Himmelfahrt“ in Erinnerung.
Himmelfahrt ist das Bindeglied zwischen Gott und Mensch, zwischen göttlicher und menschlicher Natur Jesu: Der Gott, dem „nichts Menschliches fremd“ ist, ist und bleibt Gott. Indem es eine „Fahrt“, also ein Ortswechsel ist, bedeutet Himmelfahrt: Überwindung einer Distanz, denn bis dahin ist Jesus ja gebunden an Ort (Palästina) und Zeit (1. Jahrhundert) und damit unendlich entfernt von uns und unserer Gegenwart. Himmelfahrt ist deshalb Entgrenzung. Jesus lässt die Bindung an Zeit und Ort hinter sich, um zu jeder Zeit an jedem Ort für jeden Menschen da zu sein.
Vatertag
Wir können es kurz machen. Himmelfahrt ist der 40. Tag nach Ostersonntag. Das sind fünf Wochen plus fünf Tage, also immer ein Donnerstag. Aber zugleich wird der Himmelfahrtstag auch als „Vatertag“ begangen. Was hat es damit auf sich? Antwort: Aus einer Mischung aus Frauenbewegung und christlicher Wertschätzung des Mutterseins entstand in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts der „Muttertag“ am zweiten Mai-Sonntag. Gleichzeitig und unabhängig davon (nein, nicht als trotzige Antwort auf den Muttertag!) beförderten Touristik und Brauereien seit dem Ende des 19. Jahrhunderts „Vater-“ oder „Herrentage“, die in Teilen Mitteldeutschlands auch als „Männertag“ begangen wurden. In etlichen Gegenden liegt dieser Vatertag analog zum Muttertag auf dem zweiten Juni-Sonntag. In den meisten Gebieten Deutschlands allerdings liegt der „Vatertag“ auf dem Donnerstag der „Himmelfahrt“. Der wesentliche Unterschied zwischen Mutter- und Vatertag ist: Während beim ersten die Mütter geehrt und gefeiert werden, feiern sich am Vatertag die Väter selbst.
Himmelfahrt: Die Gelenkstelle zwischen Ostern und Pfingsten, zwischen Himmel und Erde
Man kann und muss theologisch fragen: Wird das Wunder der Auferstehung erst durch die Himmelfahrt Christi vollständig und gültig? Die Antwort heißt eindeutig: Nein! Die Himmelfahrt bezeugt und bekräftigt lediglich, was spätestens durch Ostern aller Welt offenbar wurde: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mk 15,39). Wenn aber der Himmel Gott gehört und Gott in den Himmel – was bedeutet dann „wie im Himmel“? Was ist mit dem Himmel zu vergleichen? Wir steigen ein mit dieser Frage, sprich: Mit Bildern und Vorstellungen vom „Himmlischen“ und vom „Himmel“. Im zweiten Schritt schlage ich vor, sich den „Himmel auf Erden“ auszumalen.
Von der Erde in den Himmel blicken – und vom Himmel auf die Erde
Seit es Bilder der Erde aus dem Weltraum gibt, ist uns Menschen vor Augen geführt worden, dass der Weltraum, dass All oder eben der „Himmel“ zwar unendlich weit, aber zugleich unendlich nahe ist, indem er die Erdkugel ganz umgibt und damit an jeden Punkt der Erdoberfläche zugleich heranreicht. Einen ähnlichen optischen Eindruck kann man am Meer gewinnen: Der Himmel reicht immer und überall bis zur Erde, unser Horizont grenzt immer an den Himmel. Dieser fast schon triviale Gedanke zieht sich durch den ganzen vorliegenden Praxisimpuls: Der Himmel – und damit der unsichtbare, ungreifbare, unverfügbare Gott des Himmels und der Erde! – ist jedem Ende der Erde gleichzeitig unendlich nah.
Inspiriert vom Bild der Erde, die im Weltraum (im Himmel!) zu schweben scheint, hat der Astronaut Alexander Gerst die Achtsamkeit für das Raumschiff Erde begründet. Dazu finden sich in reli plus 1, Kap. 7: „Gottes Schöpfung – die Welt entdecken und bewahren“ Texte und weiterführende Aufgaben.
Maler des Himmels: Marc Chagall (1887–1985)
Der Himmel spielt in nahezu allen Bildern von Marc Chagall eine prominente Rolle. Man kann ihn geradezu als Maler des Himmels bezeichnen. Mithilfe entsprechender Suchbegriffe sind zahlreiche Beispiele zu finden. Besonders geeignet scheint mir das Deckengemälde von Chagall in Paris:
Der „Himmel“ in der Opéra Garnier, einem der beiden Pariser Opernhäuser, den Marc Chagall im Jahr 1964 gestaltete, ist auf den ersten Blick mit traditionellen Himmelswesen – Engeln mit und ohne Flügeln – bevölkert. Auf den zweiten Blick erkennt man Gebäude, Pflanzen Tiere – die ganze Welt. Es ist eine Hommage an die Musik und 14 großen Komponisten gewidmet.
Im Internet gibt es zahlreiche hervorragende Reproduktionen.
Die Schülerinnen und Schüler
- recherchieren und vergleichen möglichst viele Himmelsbilder von Marc Chagall;
- erstellen eigene Bilder vom Himmel, beispielsweise mit Zuckerkreide (s. u.), wobei entweder zuvor die Unterscheidung zwischen sky und heaven eingeführt bzw. erinnert wird – oder aber die Gruppe analysiert nachträglich anhand der Schülerarbeiten unterschiedliche Bedeutungsebenen von ‚Himmel‘;
- verfassen eine Bildlegende zu Marc Chagalls Deckenbild.
„Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt …“ (Kurt Marti)
Im Jahr 1950 fand in der Stadt Essen zum zweiten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg ein „Deutscher Evangelischer Kirchentag“ statt. Bei diesem Ereignis hielt der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann eine Rede, die mit dem Satz endete: „Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt“2.Der Schweizer Dichter-Pfarrer Kurt Marti – vgl. den Blog-Beitrag zum „anderen Osterlied“ – ließ sich von dem Gedanken der (ver-)gehenden Herren der Welt und dem einen „kommenden Herrn“ zu einem „Himmels-Lied“ anregen: „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt“. Es hat fünf Strophen und findet sich unter der Nummer 153 im Evangelischen Gesangbuch. Beide Texte, das Lied sowie der letzte Absatz der Rede von Gustav Heinemann, eigenen sich zur Textarbeit.
Medienempfehlungen
- Den Himmel gibt’s echt (Heaven is for real), USA 2014
Ein vierjähriger Junge, Sohn des Pfarrers, hat eine Nahtoderfahrung und berichtet von Visionen „im Himmel“. Berührend erzählt, ggf. emotional etwas überfrachtet. - Wie im Himmel (Så som i himmelen), Schweden 2004
Anrührender Musikfilm. Daniel Daréus, ein virtuoser Violinist und Stardirigent, zieht nach einem Herzinfarkt ins Dorf seiner Kindheit. Dort kommt er wieder zu Kräften und gründet einen Chor. Nebenbei taucht er ein in das rohe, unromantische Leben der Menschen auf dem Land. - Da unten (Under There), USA 2006
Ein Mädchen kickt auf einem Friedhof einen Ball gegen einen Grabstein, den Grabstein ihres verstorbenen Bruders. Ein Erwachsener klärt das Mädchen auf: Unsere Verstorbenen sind nicht „da unten“ unter dem Grabstein, sondern im Himmel. Das Mädchen ist nicht überzeugt.
Wenn der Himmel zwar unerreichbar über uns, aber zugleich unendlich nahe bei uns ist, und zwar an jedem Ort, dann kann man nachdenken und über den Himmel fantasieren (KV „Sag mir, wo dein Himmel ist“), und darüber nachdenken, was sich auf der Erde ändern würde, wenn die zweite Bitte des Vaterunsers erfüllt würde: … so auf Erden (KV „Wie im Himmel, so auf Erden“). Wer sich genauer interessiert für das Gebet, das Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern mitgegeben hat, der und dem sei der fast zweistündige Worthaus-Beitrag von Prof. Dr. Siegfried Zimmer zum Vaterunser empfohlen.
Ich wünsche euch „himmlische“ Momente und gutes Gelingen dabei, bei euren Lernenden Verständnis oder im besten Fall Begeisterung für das Fest Christi Himmelfahrt zu wecken.








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