Als Inhalte tauchen „digitale Medien“ in allen Klassenstufen und bei fast allen Themen im Fach Ethik auf. Als Methode führen sie im Ethikunterricht ein eher stiefmütterliches Dasein – das sollte sich ändern.
Das philosophische Gespräch: der Königsweg?
Die Methode der Wahl im Ethikunterricht scheint der „gemeinsame[n] Vernunftgebrauch im Unterrichtsgespräch“1 zu sein. Gespräche seien „für die Bildung von Werthaltungen konstitutiv“. Zudem handle es sich beim philosophischen Gespräch selbst schon um „eine Form des Ethischen“, weil im Gespräch „sittliche[n] Grundforderungen wie vorbehaltlose Anerkennung des Anderen in seiner Freiheit, Wille zu vertrauensvoller Interaktion, Kompromissbereitschaft“2 umgesetzt werden – anders gesagt: das Gespräch als ein pädagogischer Doppeldecker und damit als Königsweg?
Muss daneben nicht jeder noch so raffinierte Einsatz digitaler Medien verblassen? Geht Philosophieren und „Aufbau von Orientierungswissen zur ethisch-moralischen Urteilsbildung in praktischer Absicht“3 mit digitalen Medien überhaupt zusammen?
Ich glaube schon.
Kommunikation im Ethikunterricht: auch digital ein Gewinn
Greifen wir doch die Rheinland-Pfälzische Formulierung des „gemeinsamen Vernunftgebrauch[s] im Unterrichtsgespräch“ auf. Kann beim Unterrichtsgespräch durch digitale Medien ein Mehrwert geschaffen werden? Ein Gespräch kann mit digitalen Medien sowohl asynchron, z.B. in einem Forum, als auch synchron, als Videokonferenz oder als Chat, geführt werden. Nachteile bei solch digitalen Gesprächen – sogar bei der Videokonferenz – ist, dass nonverbale Kommunikation, welche die verbale Aussage verdeutlicht oder kommentiert, nicht oder nur bedingt möglich ist. Zwischentöne und Stimmungen werden nicht gut übermittelt und bei geschriebener Sprache fällt auch die Artikulation als Verstehenshilfe weg. Ganz schön viel, was da fehlt.
Aber es gibt auch einen Gewinn. Gewonnen wird bei digitaler Diskussion,
- dass sich auch Lernende zu Wort melden, die sich sonst bei Diskussionen eher zurückhalten.
- dass die Regeln der Kommunikation in und der Umgang mit digitalen Medien eingeübt werden.
- dass die einzelnen Redebeiträge reproduziert, bearbeitet, zusammengefasst und verändert werden können.
- dass die Argumente aus der Diskussion gesichert werden. Gerade bei intensiven Diskussionen, die sich um strittige oder emotionale Themen drehen, fehlt häufig am Ende irgendeine Art der Sicherung. Es fällt schwer, sich an alle Beiträge zu erinnern und sie aufeinander zu beziehen. Bei einer schriftlichen Diskussion, z.B. in einem Internetforum, besteht jedoch die Möglichkeit, sich das Gesagte nochmal vor Augen zu führen und die wesentlichen Aussagen zu sichern.
Ein Aufgabenbeispiel
In einer Diskussion – beispielsweise darüber, ob Internetfreundschaften zu einer vollkommenen Freundschaft werden können4 – formulieren die Lernenden ihre Redebeiträge schriftlich (am PC, Laptop oder Tablet) und posten sie in einem Forum, z.B. auf einer Lernplattform. Die Posts ordnen sich in der Reihenfolge an, in der sie zeitlich abgeschickt werden. Alle Lerndenden kommen zu Wort. Markiert werden kann dabei, ob sich ein Beitrag auf ein Argument eines anderen Posts bezieht. Nach Abschluss der Diskussion können die verschiedenen Beiträge per Copy & Paste in einem Textverarbeitungsprogramm inhaltlich geordnet werden.
Mögliche Arbeitsaufträge:
- Ordne die Beiträge entsprechend der genannten Argumente in einer Pro/Contra-Tabelle zu.
- Bearbeite die einzelnen Beiträge in deiner Tabelle so, dass du Unwesentliches löschst und Wesentliches hervorhebst. Lösche dabei auch Argumente, die mehrfach vorhanden sind.
- Ordne die Argumente nach ihrer Wichtigkeit: das überzeugendste Argument sollte am Schluss kommen.
- Verfasse eine abschließende Stellungnahme, die du mit den für dich überzeugenden Argumenten belegst.
So kann eine Diskussion einen guten Abschluss finden. Und ganz nebenbei wird an diesem Beispiel deutlich, wie wenig Sinn es macht, digitale und analoge Verfahren zueinander in Konkurrenz zu setzen, statt die jeweiligen Vorteile gezielt zu nutzen.
Während der Corona-Pandemie habt ihr vermutlich die unterschiedlichsten Erfahrungen mit digitaler Kommunikation gesammelt.
Was sind eure Erfahrungen mit digital geführten Gesprächen? In welchen Unterrichtszusammenhängen setzt ihr die Methode ein?
Quellenverzeichnis
1Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung, Mainz (Hrsg.): Lehrplan Ethik – Rheinland-Pfalz. URL: https://ethik.bildung-rp.de/fileadmin/user_upload/ethik.bildung-rp.de/Ethik_LP_SekI.pdf, S. 89.
2Ebd., S. 89.
3Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.): Bildungsplan des Gymnasiums. Bildungsplan 2021 – Ethik. URL: http://www.bildungsplaene-bw.de/site/bildungsplan/get/documents/lsbw/export-pdf/depot-pdf/ALLG/BP2016BW_ALLG_GYM_ETH.pdf, S. 5.
4vgl. Andersson, Katja et. al: Leben leben 1 – Ausgabe ab 2021. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 2021, S. 58 (Nr. 4).


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