Reli-Ethik-Blog
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Digitale Medien im Ethikunterricht – Teil 5: Digitale Dilemma-Diskussion

Hetze, Mobbing, Beleidigungen – die Klagen über den Umgang im Internet werden dringender. Einen Ausweg zeigt da vielleicht der Ansatz „Moral ist lehrbar“ von Prof. Dr. Georg Lind. Seine Methode „Dilemma-Diskussion“ kann auch digital umgesetzt werden.

Was ist eine Dilemma-Diskussion?

Wer die Wahl hat, hat die Qual – das weiß schon der Volksmund. Auch bei einem (moralischen) Dilemma steht man vor einer Wahl. Allerdings nicht etwa zwischen zwei Vorlieben (wie z.B. Schokoladen- oder Himbeereis), sondern zwischen zwei schwergewichtigen ethischen Werten (z.B. Ehrlichkeit oder Solidarität). Welchen Wert sie in einer bestimmten Situation priorisieren (z.B. „Soll ich die Wahrheit sagen oder meinen Freund nicht verraten?“), darüber tauschen sich Lernende im Ethikunterricht in einer „Dilemma-Diskussion“ aus.

Was leistet die Methode?

Bei Dilemma-Diskussionen, die von konkreten, aber semirealen Situationen ausgehen (siehe zum Beispiel in Leben leben 1 Baden-Württemberg, S. 37/38), werden die zwei Entscheidungsmöglichkeiten von jeweils einer Gruppe vertreten. Ihr wird ein hoher Lernerfolg zugesprochen.

  • Eine Dilemma-Diskussion leitet methodisch dazu an, einen Konflikt verbal und nicht mit Fäusten zu klären.
  • Sie hat einen immer gleichen Ablauf, der Verhaltenssicherheit vermittelt. 
  • Durch die Zurückhaltung der Lehrkraft, die dadurch möglich wird, erfahren sich die Lernenden als selbstwirksam.
  • Klare Regeln sorgen für eine intensive Beteiligung möglichst vieler.
  • Die Möglichkeit, am Ende die eigene Meinung zu revidieren, macht erfahrbar, dass Standpunkte aufgrund von rationalen Entscheidungen eingenommen werden sollten und sich – ohne Gesichtsverlust – wieder ändern lassen.
  • Die Möglichkeit, am Ende die eigene Meinung zu revidieren, führt von vornherein zu einem respektvollen und wertschätzenden Umgang mit der andersdenkenden Gruppe.
  • Für den inhaltlichen Lernfortschritt gilt die Plus-eins-Regel. Sie besagt, dass die Lernenden einer Argumentation folgen können, die nach Kohlbergs Modell eine Stufe höher angesiedelt ist als die eigene Stufe. Durch die Mitschülerinnen und Mitschüler sowie Denkanstöße der Lehrkraft stellen sie die eigene Position auf den Prüfstand und entwickelt so die moralische Urteilsfähigkeit

Kann man Dilemma-Diskussionen digital umsetzen? Welche Vorteile hat das?

Es ist zu erwarten, dass sich der Lernzuwachs einer analogen Dilemma-Diskussion auch auf Online-Diskussionen übertragen lässt. Unterstützt werden kann dies durch die Einbeziehung digitaler Methoden.

a) Einführungsphase

Die Wirksamkeit der Methode „Dilemma-Diskussion“ liegt darin begründet, dass sich Lernende emotional in dem Dilemma und seiner Diskussion engagieren. Die Einführungsphase, in der das Dilemma vorstellt wird und in der die Dramatik des Falls gesteuert werden kann, sollte bei jüngeren Lerngruppen vorzugsweise in der Hand der Lehrkraft belassen werden. Dadurch kann auch nachgeprüft werden, ob alle den moralischen Kern des Problems verstanden haben. Hier ein Beispiel von Prof. Georg Lind.

b) Phase vertiefender Auseinandersetzung in Einzelarbeit

In der anschließenden Phase vertiefender Auseinandersetzung in Einzelarbeit beurteilen die Lernenden die Handlungsoption, die die Protagonistin bzw. der Protagonist im vorgegebenen Fall gewählt hat, und begründen ihr Urteil. Für den Fortgang der Diskussion werden in dieser Phase entscheidende Weichen gestellt. Wenn die Mehrheitsmeinung in der Klasse für alle in anonymisierter Form sichtbar und gespeichert werden kann, vereinfacht dies das Prozedere enorm. Digitale Tools für Abstimmungen (z. B. Mentimeter oder Socrative) sind weit verbreitet und auch hier leicht einsetzbar. Wenn die Ergebnisse der Einzelarbeit digital gespeichert werden, können sie anschließend in den Kleingruppen leichter ausgetauscht werden.

c) Phase vertiefender Auseinandersetzung in Kleingruppen

In Kleingruppen werden die besten Argumente für das Urteil nun vorbereitet. Durch eine digitale Sicherung der Ergebnisse können diese leichter geteilt und verändert werden.

d) Diskussion im Plenum

Während der anschließenden Diskussion im Plenum werden die zentralen Pro- und Contra-Argumente ausgetauscht. Hier kann im geschützten Raum eines Forums in der Schule trainiert werden, wie man digital angemessen diskutiert.
Und selbst, wenn die Diskussion live stattfindet, kann das Protokoll der Diskussion mit einem Textverarbeitungsprogramm angelegt werden. An der Tafel ist dies oft ein anstrengendes Unterfangen – auch wegen der Schreibgeschwindigkeit. Werden die Argumente von zwei Personen (für die Protokolle der Pro- und der Contra-Seite) digital mit einem Textverarbeitungsprogramm erfasst und an die Wand projiziert, können die einzelnen Statements anschließend geordnet und einander gegenübergestellt werden.

e) Rückkehr in Kleingruppen

Durch die gemeinsame Überarbeitung der Ergebnisse des Plenums wird der Argumentationsgang nachvollziehbarer und jede Gruppe erhält bei der Rückkehr in Kleingruppen eine identische und bearbeitbare Vorlage. Die Argumente der Gegengruppe können so einfacher bewertet und in eine entsprechende Reihenfolge gebracht werden.

f) Abschluss im Plenum

Auch die zweite Abstimmung beim Abschluss im Plenum gelingt mit digitaler Unterstützung einfacher und lässt sich mit der Analyse von anonymer „Wählerwanderung“ leichter auswerten. Die Reflexion der Diskussion kann zwar über ein Feedback-Tool abgebildet werden, ein Austausch von Mensch zu Mensch ist hier aber vorzuziehen – wenn das Pandemiegeschehen dies nicht gerade verhindert.

Es sei abschließend gesagt: Die Methode – ob digital oder analog – ist keine Eintagsfliege. Gebt euch und euren Lernenden Zeit, um das Prozedere zu verinnerlichen und Erfahrungen zu sammeln.

Zum Weiterlesen

Weitere Impulse zum Thema „Dilemma“ findet ihr auch in unserem Blogartikel Unterrichten mit Dilemmageschichten: Das Gefangenendilemma

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Über die Autorin

Eva Müller

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