Amazing Grace
Gnade – was ist das eigentlich?
Stellt euch folgende Situation aus dem Schulalltag vor: Es ist Fünf-Minuten-Pause zwischen zwei Unterrichtsstunden. Die Tür zum Klassenzimmer springt auf, zwei Jungs stürmen und stolpern im Ringkampf auf den Flur, beide Köpfe hochrot, und der, der im Schwitzkasten klemmt, schreit unter Atemnot: „Gnade, Gnade!“ – Übersetzt: „Nachlassen, genug, aufhören!“ – Das ist Gnade: Absehen von der möglichen Härte, Verzicht, eine Strafmaßnahme durchzusetzen. Gnade ist, aus der Sicht des Unterlegenen: Wenn mir erspart wird, was mir eigentlich gedroht oder was ich eigentlich verdient oder befürchtet hatte. Gnade, aus Sicht des Überlegenen, heißt: Ich könnte und dürfte härter reagieren und wäre dabei im Recht, aber ich bin gnädig und sehe davon ab. Gnade ist Strafnachlass, Gnade ist Erbarmen. Man könnte auch sagen: Gnade korrigiert die Unbarmherzigkeit des Rechts. Die übliche Redewendung, „Gnade vor Recht“ ergehen zu lassen, meint diesen Vorgang, aber sie scheint mir gar nicht zutreffend zu sein. Gnade stellt sich ja nicht vor oder über das Recht, sie erzeugt keinen rechtsfreien Raum. Sondern: Gnade sorgt dafür, dass das Recht menschlich bleibt. Kehrt man den Satz um, lautet er: Gnadenloses Recht ist unmenschlich. Das ist die rechtliche Dimension der Gnade, dazu gleich mehr.
Vorher stelle ich mir die Frage: Verstehen das auch unsere Jugendlichen so? Ist Gnade auch für sie der Ausdruck für einen souveränen, humanen Umgang mit Rechtsansprüchen, der gipfeln kann in dem besonderen Recht, eine bereits rechtskräftige Strafe zu vermindern oder zu erlassen, sprich: jemanden zu „begnadigen“? Dass dem nicht so ist, dass Schülerinnen und Schüler die Begriffe Gnade und gnädig zwar immer positiv, aber sehr viel allgemeiner und viel weiter verstehen, legt die Befragung nahe, die Hartmut Rupp im Jahr 2014 durchgeführt hat und die in der religionspädagogischen Zeitschrift „entwurf“ dokumentiert ist (Hartmut Rupp, Was ist ein gnädiger Lehrer? Antworten von Schüler/innen von Klasse 4 bis 9; in: entwurf 3/2014, S. 14-16). Die Frage an die Jugendlichen war: Was ist (für dich) ein gnädiger Lehrer, eine gnädige Lehrerin? Und die Antworten lauteten allesamt so, als wären sie gefragt worden, was eine „nette“, eine „angenehme“, „beliebte“, „faire“ Lehrperson ausmacht. Die „gnädige“ Lehrperson, so die Befragten damals, „sieht nicht alles so eng“; ist „konsequent, aber gerecht“; „macht auch mal einen Spaß“, „schreit nicht gleich“, ist „nicht so streng“ … – Doch mit diesen Antworten haben die Jugendlichen mitnichten das Thema verfehlt oder den Begriff der Gnade missverstanden. Das wird ein Blick in die Bibel sogleich zeigen.
Gottes Gnade: nur so kann man den Gott der Bibel verstehen
Ich beginne mit dem Ersten Testament. Dort bestimmen drei Begriffe das Verständnis von Gnade:
Der Begriff חֶסֶד (chesed, ca. 250-mal), gefolgt von 2. חֵן (chen, ca. 70-mal) und schließlich 3. רַחֲמִים (rachamim, ca. 45-mal). Dieselbe Wurzel wie רַחֲמִים hat das arabische ar-Raḥmān (ٱلرَّحْمَٰن) (der Allerbarmer), der erste der „99 schönen Namen Allahs“ (vgl. reli plus 2, S. 47 „Wie Musliminnen und Muslime Gott durch seine Namen besser verstehen“ und S. 144 „Allah, der Barmherzige“). Die Bedeutung der drei biblischen Begriffe chesed, chen und rachamim reicht von Zuneigung, Verlässlichkeit und Treue über Zuwendung, Gunst und Wohlwollen bis herzliches Erbarmen und einfühlende, mitfühlende Liebe. Alle drei Begriffe haben griechische Entsprechungen im Zweiten Testament und alle drei Begriffe können sowohl auf Gott als auch auf Menschen angewendet werden. Wie inhaltlich nahe sich die drei Begriffe in der Bibel stehen, kann man aus der besonders in den Psalmen häufig anzutreffenden Zeile erschließen: Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte1(Ps 103,8; Ps 145,8): alle drei hier genannten Begriffe werden summarisch als Kennzeichen Gottes gerühmt. Hier wird, nebenbei bemerkt, deutlich, dass man mit einer deutschen Konkordanz allein den biblischen Begriffen der Gnade nicht gut auf die Spur kommt. Martin Luther beispielsweise wählte neben dem Wort Gnade ebenso häufig die Begriffe Gunst, Güte, Barmherzigkeit oder Erbarmen.
Wie dem auch sei: Hier geht es offensichtlich um das Herzstück der buchstäblichen Menschlichkeit Gottes. Das lässt sich am dritten der Begriffe רַחֲמִים (rachamim) besonders gut zeigen. Rachamim ist der Plural des hebräischen Wortes rechem, das übersetzt „Mutterleib“, also „Gebärmutter“ bedeutet; beides wurzelt in dem Verb racham, (sich) erbarmen. Das griechisch-neutestamentliche Pendant lautet σπλάγχνα (splanchna, Inneres, Eingeweide) und das entsprechende Verb splanchnizomai. Man kann also mit gutem Recht sagen: Gottes Gnade und Erbarmen ist seine „gebärmütterliche“ Seite. Exakt dieser Gedanke und dieses Bild eint Gott und Jesus im Zweiten Testament. Besonders deutlich wird dies anhand folgender exemplarischer biblischer Erzählungen:
In Mt 14,13 f. wird erzählt, wie Jesus nach der Ermordung Johannes des Täufers (Mt 14,3–12) das Bedürfnis hat, sich traurig und betroffen mit einem Boot zurückzuziehen und allein zu sein. Jedoch bekommen Menschen dies mit und folgen ihm zu Fuß am Ufer. Jesus erblickt die Menschenmenge und „sie jammert ihn“ (V.14, Luther), „er bekam Mitleid“ (BasisBibel), „es ergriff ihn tiefes Mitgefühl“. Ganz gleich, wie die deutsche Übersetzung lautet, im Original steht eben dieses Wort (esplanchnisthe), das sich aus den inneren Organen, insbesondere der Gebärmutter, ableitet. Man hätte auch die Übertragung wählen können: „es ging ihm an die Nieren“. Es folgen Krankenheilungen sowie die Speisung der Unzähligen (Fünftausend: Mt 14,15-21). Bemerkenswert ist hier der Kontext, der dieses tiefe Mitgefühl Jesu umrahmt: Vorausgeht das makabre Festmahl der Herrschenden (Herodes, seine Frau, seine tanzende Tochter Salome), das in der Hinrichtung Johannes des Täufers, eines Gerechten, gipfelt – und es folgt die Mahlgemeinschaft der Bedürftigen, die im Vertrauen auf Jesus symbolisch die Fülle des kommenden Gottesreiches erfährt. Und genau in der Mitte steht Jesus, dessen Für-Sich-Sein nicht Weltflucht bedeutet, sondern in Hingabe für die Vielen mündet, weil ihm die Welt „an die Nieren geht“. Nur kurz angefügt seien zwei weitere prägnante Belege für das bis ins Innerste reichende Erbarmen: Sowohl der barmherzige Mann aus Samarien (Lk 10,33), als auch der Vater, der den auf Abwege geratenen Sohn wieder aufnimmt (Lk 15,20), werden in der Bibel charakterisiert mit dem Erbarmen, das dem Menschen aus dem Innersten entspringt (esplanchnisthe), es „gebärmutterte ihn“.
Die eigentliche und besondere Gemeinsamkeit aller dieser Gefühlsregungen des Mitleids, der Barmherzigkeit, der Zuneigung oder der Bundestreue besteht nun darin, dass die Zuneigung und Zuwendung souverän und frei geschieht, das heißt: Es handelt sich um keinen Deal; das Gegenüber hat sich die Zuneigung nicht irgendwie erworben oder gar „verdient“. Es ist in der Theologie deshalb zum Standard geworden, dem Wort „Gnade“ das Attribut „frei“ hinzuzufügen: Gnade ist immer freie Gnade. Damit wird zugleich die Souveränität der oder des Gnädigen und der Geschenkcharakter der Gnade unterstrichen. Diesen Aspekt haben vor allem Martin Luther und die Reformation hervorgehoben: sola gratia, allein aus Gnade, schließt alles aus, was nach „Verdienst“ und „Selbstgerechtigkeit“ klingen könnte.
Zusammenfassend kann man sagen:
- Die Gnade und die gleichbedeutenden Begriffe sind für die Bibel unverzichtbare Attribute Gottes. Sie erklären, wie Gott unbedingt, also bedingungslos, ist. Gott ist zugeneigt, treu und „gebärmütterlich“. Dies gilt auch für die „schönen Namen Allahs“ ar-Raḥmān (ٱلرَّحْمَٰن), der Allerbarmer und ar-Raḥīm (ٱلرَّحِيم), der Barmherzige, die beide prominent in der Basmala (Sure 1) auftauchen.
- Unser modernes Verständnis, das die Gnade stark in den Zusammenhang mit Recht und Gerechtigkeit rückt, entspricht nicht dem Schwerpunkt, den die Bibel wählt. Gnade im Zusammenhang mit Recht und Gerechtigkeit scheint vorauszusetzen, dass sich der/die Begnadigte schuldig gemacht hat und nun ein Mächtigerer sich herabneigt, um diese Schuld zu vermindern oder zu annullieren. Besonders anschaulich sind die amerikanische Rechtstradition und die umstrittenen Gnadenakte der jeweiligen Präsidenten. Gnadenakte sind deshalb zu diskutieren (KV „Wen würde ich begnadigen?“). Auch unser Grundgesetz (Art. 60,2) definiert ein ausdrückliches Begnadigungsrecht. Beides geht letztendlich zurück auf den in der Bibel geschilderten Rechtsanspruch Gottes, Sünde und Verfehlung zu strafen, den Gott selbst zurückstellt zugunsten seiner Gnade und Geduld (zum Beispiel Hos 11,9: … Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn […]. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht im Zorn.2“). Aber die überwältigende Mehrheit der biblischen Belege preist Gott in seinem Erbarmen, spricht von seiner souveränen, freien Gnade.
- Beide Dimensionen – also die Gnade als souveräne, liebevolle und einfühlende Zuwendung und Gnade als souveräner Nachlass einer bereits rechtskräftig festgestellten Strafe – sind verbunden durch die Freiheit und Souveränität des bzw. der Gnädigen/Begnadigenden und dem damit verbundenen Geschenkcharakter der Gnade. Insofern kann jeder Mensch den Satz aussprechen: „Mein Leben ist ein Geschenk, mein Leben verdanke ich der Gnade“, ohne dass damit impliziert ist, dass ich ein Verbrechen begangen habe und ein Strafurteil verdiente (KV „Wo ich Gnade erlebe“).
Textquellen: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Amazing Grace
Am 17. Juni 2015 erschoss ein weißer Attentäter neun afroamerikanische Gemeindemitglieder während einer Bibelstunde in der Emanuel African Methodist Episcopal Church. Diese Kirche ist eine der ältesten schwarzen Gemeinden der USA und ein Symbol des afroamerikanischen Widerstands gegen Sklaverei und Rassismus. Am 26. Juni 2015 hielt Obama die Trauerrede für den getöteten Pastor und Senator Clementa C. Pinckney. In seiner Trauerrede erinnerte Obama an die leidvolle Geschichte des Rassismus in den USA. Er betonte die Rolle der Kirche als Ort von Hoffnung und Widerstand und sprach davon, dass die Ermordeten nun aufgenommen und aufgehoben seien in Gottes Gnade. In diesem Moment begann Obama überraschend, das Lied Amazing Grace anzustimmen – und die ganze Gemeinde fiel ein. Diese Aufnahme gehört zu den ergreifendsten Zeugnissen von Trost und Vertrauen in die Gnade. Eine vollständige Version des Songs samt deutschen Texteinblendungen ist leicht zu greifen. Das Lied, seine Geschichte und sein Text sprechen für sich. Das Lied kann kombiniert werden mit der KV „Mehr Gefühl, weniger Härte“.
Ich wünsche euch Gnade!







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