Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Pfingsten – ein begeisterndes Fest!

Zugegeben, der Titel des folgenden Impulses klingt reichlich churchy, soll heißen: so, als könnten wir bei allen unseren Schülerinnen und Schülern Kenntnis und Wertschätzung des kirchlichen Hochfestes Pfingsten voraussetzen. Das ist sicherlich nicht der Fall. Ich bleibe dennoch bei diesem Titel, und zwar aus zwei Gründen. Beide haben mit dem Begriff der „Begeisterung“ zu tun, den ich übersetze mit: Von (einem? Gottes?) Geist ergriffen und überwältigt sowie mit (einem? Gottes?) Geist beschenkt und ausgestattet. „Begeistert“ kann man also sowohl im säkularen als auch im religiösen Sinn sein. Dementsprechend ist meine erste Begründung für „begeisterndes Fest“ eine weltliche (die zugleich eine spirituelle Bedeutung hat) und die zweite ist eine theologische (die zugleich einen säkularen Aspekt hat). Ich beginne mit der weltlichen Begründung, indem ich mich dem Begriff „begeisternd“ annähere, womit ich auch den Einstieg in die Lernsequenz vornehmen würde (s. u.: Kopiervorlage „Ich bin begeistert!“ und Kopiervorlage „Begeisterung“).

Wenn wir von etwas „begeistert“ sind, dann sind wir in außergewöhnlichem Maße gebannt, berührt, angeregt, fasziniert, mitgerissen, aufgewühlt, aufgestachelt, motiviert; wir sind womöglich entzückt, entrückt und getriggert; gepusht und entflammt; hochgestimmt, leidenschaftlich und inbrünstig. Wir überschreiten (transzendieren) das Normale, wir verrücken Normen. Wir sind irgendwie ver-rückt. „Begeistert“ heißt offenbar: Von etwas Übersinnlichem – einem „Geist“? – berührt, aufgewühlt, verwandelt sein. Aber wer oder was ist das, dieser „Geist“? Spätestens mit dieser Frage wird das Forschen nach außerordentlicher Erregung, Resonanz und Inspiration religiös: Welcher Geist bewirkt Begeisterung? Das ist die erste Frage und der erste Grund, Pfingsten ein „begeisterndes Fest“ zu nennen. Die „weltliche“ Frage nach der Begeisterung führt zur spirituellen Frage: Welcher Geist entzündet mich, wessen Geistes Kinder sind wir?
Die zweite, die theologische Begründung rührt von der uralten biblischen Geschichte von Pfingsten (Apg 2) her. Da kommt der Geist Gottes oder Gott in seiner Person als Geist über verzagte, irritierte, verzweifelte Menschen. Diese Menschen haben soeben die größtmögliche Enttäuschung erlebt: Der Mensch Jesus, dem sie Göttliches zutrauten, nämlich Beendigung von Unfrieden, göttliche Gerechtigkeit, gelingendes Leben, am Ende sogar Überwindung des Todes – dieser Gott-Mensch scheitert an typisch menschlichen Strukturen: an Macht, Hass, Intrige, Unrecht. Das ist, gelinde gesagt, das Ende. Glaube, Hoffnung, Liebe: futsch!

Doch genau in dieser Not ereignet und ergießt und verströmt sich Gottes Geist, Gott als Geist. Davon handelt die Pfingstgeschichte. Sie belehrt und tröstet uns: Ausgerechnet mit solchen Situationen, in denen Menschen am Ende sind, kann Gott etwas anfangen. Gott ist da, wo wir uns gottverlassen fühlen. Wie ist Gott da? Antwort: Geistig und geistlich. Das ist doch ein Fest wert, einen Sonntag, am besten auch noch einen zweiten Tag, einen Pfingstmontag! Aber wie begehen und feiern wir dieses Hochfest des göttlichen Geistes, der Gottesgegenwart? Wie hat sich Pfingsten inkulturiert? Weihnachten ist – neben und anlässlich der Menschwerdung Gottes – das Fest der Liebe, das Fest mit dem Tannenbaum, den Kerzen und den Geschenken. Ostern ist – neben der Freude über die Überwindung des Todes – das Fest des Lebens, des aufbrechenden Frühlings, das Fest mit den Süßigkeiten, den Nestern und den Eiern. Aber Pfingsten, das Fest der Gegenwart Gottes im und als Geist: Dieses christliche Fest hat kaum vergleichbare säkulare Riten hervorgebracht. Pfingstochse, Pfingtbaum oder Pfingstl haben allenfalls eng begrenzte lokale Bedeutung, kaum ein Jugendlicher kennt so etwas. Pfingsten ist das exklusive Fest des Geistes. Ist das nicht im wahrsten Sinne des Wortes begeisternd, anregend für jeden kritischen Geist?

Die biblische Pfingsterzählung findet sich ausschließlich in der Apostelgeschichte des Lukas und umfasst fast das ganz Kapitel 2, nämlich die Verse 1–41. Die Verse 42–46 berichten von einer mustergültigen, von Gottes Geist bestimmten Gemeinde. Apg 2 ist die längste Einzelerzählung des Neuen Testaments. Sie handelt von der Ausgießung des Geistes Gottes „über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter […] die Jünglinge […] die Knechte und Mägde“ (Joel 3,1 f.)1. Nach ihrem Aufbau und Inhalt ist die Pfingstgeschichte eine regelrechte Lehrerzählung. Es geht in ihr weniger um das erzählte Ereignis, von dem im Übrigen weder Paulus noch irgendeiner der biblischen Schriftsteller jemals etwas gehört hat, sondern es wird durch die Geschichte erklärt,

  • wie die von Jesus verheißene Kraft des Geistes (Apg 1,5.8) über seine Jüngerinnen und Jünger kommt;
  • wie sich in Jesu Leben, Tod und Auferstehung unzählige Verheißungen des Neuen Testaments erfüllen;
  • wie aus der Gemeinschaft der Jesusleute nach Ostern die christliche Gemeinde wird.

Das Ereignis der Geist-Ausgießung wird in der Bibel datiert auf das jüdische Wochenfest (Schawuot). Schawuot („Wochen“, genauer: 7 Wochen, also 49 + 1 Tage nach Pessach) ist ein altes Erntefest (Ex 23,16; Dtn 16,10) und ein Anlass, aus aller Welt nach Jerusalem zu pilgern (Apg 2,9–11). Die Liste der damals an Schawuot in Jerusalem vertretenen Ethnien ist überaus bunt: Alle Welt wurde Zeuge der Erfüllung der biblischen Verheißung. Durch diesen weltumfassenden Horizont wird das durch den Geist Gottes bewirkte Sprachenwunder (V. 4.11b.12a) umso größer; zu der Erfüllung biblischer Verheißungen kommt deshalb als besondere Pointe die Aufhebung der babylonischen Sprachverwirrung (Gen 11).

Für die kursorische Lektüre von Apg 2,1–41 bieten sich folgende Abschnitte an (Kopiervorlage „Zwei Geschichten, zwei Erklärungen“):

  • 1–4: Gottes Geist kommt über die Jesusleute
  • 5–13: Das Sprachenwunder: alle verstehen einander
  • 14–36: Petrus erklärt den Glauben an Jesus Christus
  • 37–41: Der Geist bewirkt den Glauben

Das Pfingstereignis als „Geburtstag der Kirche“ zu bezeichnen ist üblich und einprägsam, aber nicht ganz zutreffend. Wie viel real erlebbare „Kirche“ steckt in der vorbildhaften Schilderung von Apg 2,42–47?

Unterrichtsimpuls: Was mich begeistert

Ich empfehle den Einstieg entweder mit der gemeinsamen Lektüre von Apg 2,1–41.42–47 (Kopiervorlage „Zwei Geschichten, zwei Erklärungen“) und einer Erarbeitung mithilfe des Begriffs der „Begeisterung“ (Kopiervorlage „Ich bin begeistert!“). Alternativ kann der Einstieg über die Arbeit am Begriff „begeistert“ (Kopiervorlage „Ich bin begeistert!“; Kopiervorlage „Begeisterung“) erfolgen.

Das Wort „be-geistert“ umschreibt sprachlogisch, dass mir etwas widerfährt, mich überkommt und überwältigt, was in irgendeiner Weise mit einem „Geist“ zu tun hat. Be-geistert heißt: vom Geist angefasst, berührt, erregt. Das macht man sich im alltäglichen Sprachgebrauch kaum bewusst. Auch werden etliche Jugendliche das Wort gar nicht aktiv gebrauchen. Dennoch lohnt das Nachdenken darüber: Woher kommt und was bewirkt, dass ich stark von etwas in Anspruch genommen werde, was nicht aus mir selbst kommt, sondern von außen auf mich einwirkt? Das ist eine der Grundfragen und Grundstrukturen des Religiösen: das Faszinosum und Tremendum „extra nos“. Ich bin tangiert (bewegt), irritiert und verändert durch etwas außer mir. Kopiervorlage „Begeisterung“ kann als Vertiefung eingesetzt werden.

Was der Geist Gottes bewirkt

Der Geist Gottes, der an Pfingsten über die Menschen kommt, löst ein uraltes Menschheitsproblem: Wir sind alle Menschen; uns verbindet buchstäblich das Menschliche – aber wir verstehen einander nicht (Gen 11). Dieses Dilemma wird an Pfingsten auf wundersame Weise überwunden. Die Ur-Geschichte vom Turmbau zu Babel könnte man so deuten: Das „Menschliche“, das wir so gerne für unsere Natur und unsere Stärken und Schwächen in Anschlag bringen, ist höchst ambivalent. Gen 11 erzählt davon, wie das Menschliche (Wir wollen über uns hinauswachsen bis in den Himmel) die Menschlichkeit zerstört (Wir entfremden uns voneinander und verstehen einander nicht mehr). Menschliche Selbstüberschätzung führt zur Entfremdung, und das verstößt gegen Gottes Willen. Pfingsten erzählt das positive Gegenstück: Gottes Geist überwindet Fremdheit und Entfremdung. Wer sich Gottes Geist anvertraut, muss sich nicht mehr selbst behaupten: Gottes Geist befreit und eint. Das ist der Deutungshorizont beim Vergleich der beiden Erzählungen Apg 2 und Gen 11 (Kopiervorlage „Zwei Geschichten, zwei Erklärungen“).

Sich begeistern lassen

Drei weiterführende Impulse:

  1. Biblische Geschichten vom Geist Gottes sind immer zugleich Geschichten von Gott, von Gotteserfahrung und von Weltveränderung. Welche innerweltlichen Konsequenzen hat ein Widerfahrnis „extra nos“? Kann Gottvertrauen Welt verändern? Der Kanon „Das wünsch ich sehr“ von Detlev Jöcker (Kommt und singt. Liederbuch für die Jugend, S. 410) betont die persönlich-private Ebene: immer einer, der mich stärkt und tröstet. Das klassische Pfingstlied „O komm, du Geist der Wahrheit“ (EG 136) hebt die Geisteskräfte des Trostes, der Geduld, der Kraft und des Bekenntnisses hervor.
  2. Gott ist Geist. Der Geist, der uns ergreifen und verwandeln kann, ist Gottes Geist oder Gott als Geist. Pfingsten erzählt und erklärt: Der Geist Gottes ist dir nicht gänzlich fern und fremd. Also könnte man sich doch fragen: Wenn ich vom Geist Gottes ganz erfüllt wäre; wenn ich meine eigenen Bedürfnisse für eine Zeit lang ganz zurückstellen und nur noch Heil und Segen wünschen und bewirken könnte; wenn ich für 24 Stunden Gott wäre, dann … So könnte ein Schreibgespräch beginnen: „Wenn ich für 24 Stunden Gott wäre …“
  3. Pfingsten ist genau genommen nicht der „Geburtstag der Kirche“, sondern eher die Geburt der Gemeinde Jesu Christi aus der Gemeinschaft um Jesus. Doch die Betonung von Pfingsten zeigt an: Ohne den Geist Gottes gibt es keine Gemeinde. Christliche Gemeinden, die die Bedeutung von Gottes Geist besonders betonen, nennen sich deshalb „Pfingstgemeinden“. Je nach den örtlichen Gegebenheiten könnten entsprechende Rechercheaufträge oder Gottesdienstbesuche sinnvoll sein.

Ich wünsche euch und euren Lernenden Begeisterung, Faszination, Mitgerissenheit! Frohe Pfingsten!

1Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Kostenlos zum Download

Zum Weiterlesen

Noch mehr zu Pfingsten lest ihr in unseren beiden Blogbeiträgen

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Über den Autor

Gerhard Ziener

Gerhard Ziener ist evangelischer Pfarrer, Schul- und Religionspädagoge. Er ist Autor und Herausgeber von reli plus für Evangelische Religion an mittleren Schulformen.

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