Wir sind hier
Der prägnante Titel „Wir sind hier!“ enthält gleich drei Pointen. Die erste Pointe besteht in dem Personalpronomen „Wir“: Hier kommen Angehörige der Minderheit der Sinti und Roma selbst zu Wort. Das ist wichtig. Die zweite Pointe kann man so umschreiben: Der Ausruf „Wir sind hier!“ ist zugleich eine Bitte um Aufmerksamkeit: Seht mal, es gibt uns (Sinti und Roma)! Wir sind – neben Friesen, Dänen, Sorben und Niederdeutschen – die fünfte Minderheit in Deutschland und mit 12 Millionen Angehörigen die größte Minderheit Europas. Und schließlich, drittens: Wir sind hiermitten unter euch. Wir sind da, wo auch ihr lebt. Denn in Deutschland sind alle Sinti sesshaft. Doch das war nicht immer so. Und damit sind wiederum drei weitere Punkte berührt:
- Die Geschichte der Sinti und Roma – woher kommen sie? Seit wann sind sie hier? Warum sind manche unterwegs und manche nicht?
- Diese Geschichte ist über weite Strecken eine Geschichte des „Antiziganismus“, also der Vorurteile, der Ausgrenzung und Diskriminierung bis hin zum Völkermord in der Zeit des Dritten Reiches (1933–1945).
- Unser aller Unwissenheit.
Der Film ist kostenfrei zugänglich auf Youtube.
Allen drei Punkten möchten die folgenden Praxisimpulse Rechnung tragen.
Unwissenheit ist, besonders, wo es um Minderheiten geht, eine der wesentlichen Voraussetzungen für Vorurteile und daraus resultierende Diskriminierung. Doch nicht jede und jeder, der oder die keine oder zu wenige Informationen hat, hat deshalb bereits Vorurteile. Unwissenheit ist nicht per se „antiziganistisch“. So muss man beispielsweise in der BRD der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts aufgewachsen sein, um sich noch an Ansammlungen von Wohnwagen und Zugmaschinen an den Stadträndern zu erinnern, kombiniert mit einem überaus schlechten Ruf der dort lebenden und auf Durchreise befindlichen Menschen. Dieses Bild ist heute in Deutschland nicht mehr anzutreffen. Es sollte deshalb auch nicht angestoßen oder provoziert werden. Das bedeutet: Die wahrscheinlich anzutreffende Unwissenheit der Schülerinnen und Schüler über Sinti und Roma darf nicht von vornherein moralisch oder politisch abqualifiziert werden. Zum anderen raten wir davon ab, zum Einstieg etwa zu fragen, was die Jugendlichen über Sinti und Roma wissen, welche Vorurteile sie kennen usw., denn einmal genannte Klischees sind nachträglich nahezu unverwüstlich. Für den Einstieg empfehlen wir deshalb die Lektüre von KV „Sinti und Roma: Wissenswertes“. Mögliche Aufgaben und Leitfragen könnten sein:
- Notiere in Stichworten möglichst viele Informationen, die du dem Text über Sinti und Roma entnehmen kannst.
- Erläutere, welche Informationen für dich ganz neu oder überraschend waren.
- Formuliere Fragen, die dir nach dem Lesen durch den Kopf gehen.
- Schreibe Fragen auf, die in dem Text nicht beantwortet werden.
Beides, die Informationen und die Fragen, können als Beobachtungskriterien für den Film verwendet werden. Der Aspekt der Vorurteile und der Diskriminierung und Vernichtung, also des Antiziganismus, kommt bis hierhin noch gar nicht explizit in den Blick, wird aber ggf. in den Fragen der Jugendlichen thematisiert. Die anschließende Reflexion über den Film kann mithilfe der Fragen erfolgen.
Die meisten Menschen in Deutschland wissen, dass Sinti und Roma unter den Nationalsozialisten Leid und Verfolgung erfahren haben. Etliche haben eine Ahnung vom Tabu des mit rassistischen Zuschreibungen verbundenen Begriffs Z*******. Nach dem Schauen des Films kann deshalb KV „Ausgrenzung und Verfolgung“ zum Einsatz kommen.
Weiterarbeit
Der Film lässt sich grob sequenzieren in folgende Abschnitte:
- Leon Fejzuli: Ein Rom und seine Homosexualität (0:00 bis 1:02)
- Theatergruppe „Wir sind hier“; erste Informationen zur Geschichte der größten Minderheit Europas (1:02 bis 3:04)
- Julischka Lehmann: Erfahrungen von Diskriminierung (3:04 bis 4:33)
- Antiziganismus vom Mittelalter bis zum Nationalsozialismus (4:33 bis 14:40)
- Ausgrenzung und Diskriminierung nach 1945; Widerstand, Emanzipation von Sinti und Roma, Aufklärung und Solidarität (14:40 bis 24:04)
Besonders die erste Sequenz mit Leon Fejzuli kann separat verwendet werden (s. KV „Wer bin ich?“). Leon hat auch das Schlusswort im Film (ab 22:50).
In reli plus 3 findet sich in Kapitel 7: „Kirche in der Welt“, S. 103, im Abschnitt „Alltag im Konzentrationslager“ ein längeres Selbstzeugnis der österreichischen Romni Ceija Stojka (1933–2013). Ceija Stojka überlebte drei Konzentrationslager und war nach der Befreiung aus Bergen-Belsen preisgekrönte Dichterin und Schriftstellerin.
Wer den Aspekt der Entstehung von Vorurteilen, die zu Ausgrenzung und Diskriminierung führen, vertiefen will, kann hier die KV „Vorurteile, Klischees, Vorverurteilungen“ einsetzen.
Medienhinweise
- Film „Antiziganismus – Was haben wir gegen Sinti und Roma?“ (ARD alpha TV Respekt, 20.11.2023; auf Youtube in der ARD Mediathek)
- Film „Einfach ein Mensch. Sinti und Roma in Württemberg“ auf Youtube.
- Auf dem Portal Sinti/Roma & Kirchen der Beauftragten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Pfarrerin Silke Stürmer befinden sich weitere Materialien für Schule und Erwachsenenbildung
- Sendung des Deutschlandfunks: „Schubladen im Kopf. Wie Vorurteile unser Denken bestimmen“ (Von Ingeborg Breuer, 17.11.2016)
- Daniel Strauß (Hg.), RomnoKher-Studie 2021: Ungleiche Teilhabe. Zur Lage der Sinti und Roma in Deutschland. Mannheim: RomnoKher 2021.
- Broschüre „Deutsche Sinti und Roma“, Evangelische Landeskirche in Württemberg
Gedenktage
Der Kalender der Gedenktage enthält drei jährliche Termine für Sinti und Roma: den 8. April (Tag der Feier der Roma-Kultur, Bewusstmachung der Rechte der Roma und gegen Diskriminierung, ausgerufen im Jahr 1990 beim 4. Welt-Roma-Kongress), den 2. August (Erinnerung an den Mord von etwa 4.300 Sinti und Roma im sogenannten „Zigeunerfamilienlager“ in Auschwitz-Birkenau in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944) sowie den 5. November (Welttag der Romanes/Tag der Romanes-Sprache). Dazu kommen regionale Besonderheiten wie etwa in Baden-Württemberg der 15. März (Erinnerung an den 15. März 1943, an dem der erste Zug mit Sinti aus Baden und Württemberg den Nordbahnhof Stuttgart verließ, um sie in die Vernichtungslager zu bringen). Alle diese Gedenktage dürften wenig bis gar nicht bekannt sein, verdienten aber einen Impuls #Gegendasvergessen. Dazu möchten diese Praxisimpulse einen Beitrag leisten.








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