Gemessen an dem brutalen Überfall der Hamas auf Israel im Oktober 2023, gemessen an der blindwütigen Reaktion der Israelis darauf, gemessen schließlich an Russlands Kriegsverbrechen in der Ukraine und in Syrien, hätten die Redakteure der Genesis den Plot ihrer Schöpfungserzählungen nicht aktueller und realistischer wählen können.
Da folgt dem Hymnus auf die „sehr gute“ Schöpfung (Gen 1,31) der prosaisch-dramatisch entfaltete Abschied der Menschen vom idyllischen Wolllustgarten Eden (Gen 2,4b-3,24). Was nun jenseits von Eden an Aggressionen folgt, bewegt Gott zu einem Eingriff in die Schöpfung. Die Erzähler begründen die Flut: „Aber die Erde wurde verderbt vor Gott, und voll wurde die Erde von Gewalttat / Blutvergießen (hebr.: ḥāmās)“ (Gen 6,11). Wie lässt sich dieser Wandel vom Ideal zur bitteren Realität vor Lernenden ab der 9. Klasse mit Gewinn für ihr Leben erklären? Wer die atl. Schöpfungserzählungen unterrichten möchte, benötigt lebensnahe Korrelate, die aus Religionswissenschaft und Exegese zu generieren sind. Diese Spurensuche führt zu den psychologischen Ursachen zwischenmenschlicher Aggressionen.
Didaktische Vorüberlegungen
- Das Motiv der „Schöpfung“ begegnet uns biblisch nicht allein in der Genesis, sondern auch in den Psalmen, dem Buch Hiob, bei Jesaja, im Buch der Weisheit, bei Kohelet sowie an verschiedenen ntl. Stellen. Christliche Schulbücher fokussieren meist Gen 1,1-3,24 und stellen damit die fundamentale theologische Bedeutung, die die jüdischen Erzähler der Schöpfung durch die exponierte Platzierung und die universale Thematik beimessen, heraus.
- Mit der Wahl der sog. Urgeschichten der Genesis ist eine hermeneutische Prämisse verbunden: Wir begeben uns mit den Klassen auf das Gebiet der Dichtung, es gilt, die poetische Sprache der Mythen zu entschlüsseln. Die zeitlosen, für alle Menschen grundsätzlich existenziell bedeutsamen Erzählungen fordern zu einer Deutung ihrer Symbolik heraus. Einem wörtlichen, fundamentalistischen Verständnis ist ebenso eine Absage zu erteilen wie jenen Rationalisten, die die Poesie auf dem Hintergrund einseitig analytischen Denkens für kulturell und bildungspolitisch irrelevant halten.
- Die menschheitsgeschichtliche Geburtsstunde der Mythen dürfte (a) neurologisch mit der Ausbildung des Neocortex, insbesondere des religiösen Gehirnlappens und des Selbstbewusstseins und (b) soziologisch mit der Entdeckung des Feuers zusammenhängen, um das herum die erzählerische Reflexion der Grundfragen des Lebens im Sippenverband einsetzte: Das Erzählen am abendlichen Lagerfeuer bildet mindestens seit der Zeit der Neandertaler (ca. 40000 v. Chr.) eine rituelle Urform der Religion.
Triebkraft der Mythenbildung ist dabei die Angst, die empfundene Wehrlosigkeit in einer gefährlichen, unüberschaubaren Welt. In der Situation existenzieller Unsicherheiten greifen die Menschen auf erklärende Geschichten zurück, die die Exegese auch als Ätiologien („Warum-Geschichten“) bezeichnet. Sie erzählen von typisch menschlichen, wesentlichen Existenzproblemen zur Selbst- und Weltdeutung, greifen weltweit auf ähnliche Motive zurück (sog. Archetypen) und bieten als universale Menschheitsträume Hoffnung und Trost. Doch an den Weltgegensätzen (Selbstorganisation vs. Selbstdestruktion, Tod vs. Leben, Gutes vs. Böses, Angst vs. Zuversicht etc.) gehen sie nicht vorbei. Für die weltweit verbreiteten Schöpfungsgeschichten gilt, dass sie die Brutalität der Lebensbedingungen nicht verschweigen, die Versöhnung mit ihnen aber anbieten. Mythen besitzen also die Fähigkeit, sich zu den psychologisch und soziologisch essentiellen Themen eines jeden Menschen und eines jeden Volkes hin zu öffnen. Das macht sie korrelationsdidaktisch so wertvoll.
Exegetische Pointen
Der Mythos vom Garten Eden (Gen 2,4b-3,24) steht nicht in organischer Verbindung zum Schöpfungsmythos in Gen 1,1-2,4a. Als exegetisch gesichert gilt, dass die Endredaktion des Pentateuch in der frühen Perserzeit auf das Babylonische Exil (586 v. Chr.) zurückschaut, in dem die Judäer mit den sumerischen und akkadischen Erzählungen über die Schöpfung, die weit mehr impliziert als das Motiv der Natur, in Kontakt kamen. Der daraufhin einsetzende Diskurs mit ihnen setzt einen gewissen Stand der Schriftgelehrsamkeit in Israel ebenso voraus wie den sich etablierenden Monotheismus. Ursprungsgeschichtlich gedeutet, bieten die Erzähler im ersten Schöpfungsmythos den vom Krieg Zermürbten, aus ihrer Heimat Verschleppten und folglich an Gottes Macht Zweifelnden Hoffnung und Trost. Die innere Verfassung der Kriegsopfer ist mit Händen zu greifen: Angst, Resignation, Depression, Trostlosigkeit beherrschen das Leben während des jahrelangen Krieges, der Belagerung und der Entführung. Gegen das politische Chaos, die psychische Instabilität, die körperlichen Misshandlungen und den theologischen Argwohn betont die Erzählung im feierlichen Stil Halt, Verlässlichkeit und Stärke Jahwes. So gibt wenigstens die Poesie den militärisch Besiegten ihre Würde zurück, und der Rückgriff auf Motive aus dem Buch Exodus lässt keinen Zweifel daran, dass der Gott der Schöpfung jener der Befreiung aus der politischen, sozialen und psychischen Entfremdung ist, der wie einst im „Sklavenhaus Ägypten“ auch jetzt der Fremdherrschaft ein Ende macht.
Doch bei dem idealisierten Zustand „am Anfang“ bleibt es nicht: Nach dem Genuss der Frucht der Erkenntnis im Garten Eden haben die Menschen plötzlich Angst vor dem Tod, ihre Arbeit wird zur Maloche, die liebevolle Beziehung zwischen Mann und Frau entartet zur Herrschaft, das Grundgefühl der bedingungslosen Annahme verkehrt sich zur Scham, zur Minderwertigkeit, das friedliche Zusammenleben der Menschen untereinander und mit den Tieren geht über in das gegenseitige Töten. Was ist geschehen?
Der Baum der Erkenntnis von „Gut und Böse“ steht in der Mitte des Gartens zusammen mit dem Baum des Lebens, von dem die Menschen nicht gegessen haben – eine verpasste Chance, denn seine Frucht hätte sie unsterblich gemacht. „Gut und Böse“ meint die Differenz zwischen lebensförderlich und -hinderlich. Das lebenspraktische Wissen, nach dem die Frau strebt und ohne das wir kaum unseren Alltag bewältigen könnten, bringt es mit sich, dass der Mensch Eden verlassen muss. Im Kern erklärt die Paradiesgeschichte, weshalb es in unserem Leben eine nicht aufzulösende Spannung zwischen einer notwendigen eigenständigen Lebensführung und einer substanziellen Gottesferne gibt. Was also provozierte und provoziert bis heute das ambivalente, zwischen Entfaltung (vgl. nur die Kulturleistungen wie den Ackerbau, Sexualität und Fortpflanzung) und Destruktion (vgl. nur den Brudermord Kains) oszillierende Leben jenseits von Eden? Ins Zentrum des didaktischen Interesses rückt die psychologische Kernfrage, warum die Frau wie unter Hypnose Dinge tut, die sie unter allen Umständen vermeiden wollte.
Das ursprüngliche Verbot aus Gen 2,7 erscheint, da die Schlange mit einer Unterstellung an die Frau herangetreten ist, nun aus ihrem Mund in verschärfter Form. Dass sie die Früchte vom Baum der Erkenntnis nicht anrühren dürfen, wie die Frau der Schlange empört antwortet, hatte Gott gar nicht gefordert. Die Schlange, ausdrücklich das listigste der Tiere, symbolisiert das Verschlagene, zugleich das Nichtnotwendige in der von Gott rätselhaft kreierten Schöpfung. Ohne sie könnte das Leben in Eden eine Wonne bleiben, doch sie konstruiert ein Totalverbot und spielt intrigant mit dem Gottesbild eines Tyrannen, der als Unterdrücker der menschlichen Selbstentfaltung gemalt wird: „Hat Gott wirklich gesagt, ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ (Gen 3,1) Ihre hinterhältige Frage an die Frau, eine Mischung aus Verdächtigung und Aufforderung, zielt auf den Zweifel an Gottes grundsätzlichem Wohlwollen. So wird unter der Hand der gütige Schöpfer, der mutig seinen Atem in den Staub der Erde hauchte und die Menschen nicht zufällig existieren ließ, zu einem Todesengel. Dass die Saat aufgeht, zeigt sich an der Antwort der Frau, die Gott zwar vordergründig in Schutz nimmt, doch klingt sein ursprüngliches Wort ihr jetzt anders im Ohr (Gen 3,2f.). Das Vertrauen in die Transzendenz ist zerstört. Einmal in den Zustand der Angst versetzt, kann das Opfer die verbalen Attacken der Schlange nicht mehr parieren. Im beruhigenden Tonfall der vermeintlich einzigen Vertrauten spricht die Schlange die Frau auf jene Angst an, die sie selbst in ihr provoziert hatte (Gen 3,4): „Mitnichten werdet ihr sterben.“ Zugleich erklärt sie die Angst Gottes vor den Menschen zur Ursache der göttlichen Tyrannei. In diesem Moment erscheint die Frucht vom Baum der Erkenntnis, der „eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden“ (Gen 3,6) als die Lösung aller Probleme im Sinne des Versprechens der Schlange: „Ihr werdet wie Gott“ (Gen 3,5). Das ehemalige Tabu avanciert zum Fetisch, der zur Kompensation von Angst, Ausgesetztheit und Minderwertigkeit dient. Ohne das ursprüngliche Gefühl, wie alle Menschen als etwas Berechtigtes, Gewolltes und in (der Schöpfungs-) Ordnung zu sein, treibt den Menschen unbewusst die quälende Frage um, was er an Leistung und Macht alles aus sich herausholen kann, um dem Staub der eigenen Nichtigkeit zu entgehen. Alles, was nun bis hin zum Brudermord und anderem Größenwahn in den Urgeschichten der Genesis erzählt wird, geschieht als Folge des im zweiten Schöpfungsmythos brillant entfalteten Minderwertigkeitskomplexes. Ihm gemäß muss, wer einen Gott zum Tyrannen hat und vor ihm zittert, seine Winzigkeit vor ihm zu verwandeln trachten in aberwitzige Omnipotenz auf Kosten der Humanität. Das Mittel damals wie heute: ḥāmās.
Korrelate für den Religionsunterricht
Zu Gen 1,1-2,4a:
- Trost und Hoffnung vs. Angst, Depression angesichts existenzieller Krisen und Lebensumbrüche.
- Der besonders durch (religiös verklärten) Krieg und Verschleppung erlittene Verlust von Heimat, kultureller und religiöser Identität.
- Körperliche und seelische Gewalterfahrungen durch Besatzermächte.
- Assimilationserfahrungen im fremden Land.
- Die spirituelle Entwicklung von Zuversicht im Kontext von traumatischen Erfahrungen.
Zu Gen 2,4b-3,24:
- Kontingenz und Sinnlosigkeit vs. Urvertrauen in die nicht zufällige Existenz.
- Überkompensation von Angst (vor Gott) und (religiös bestimmten) Minderwertigkeitsgefühlen durch gottgleiches Gebaren auf Kosten der Humanität.
- Akzeptanz der Ambivalenz von Leben: Die Ontogenese muss endlich sein, um die Phylogenese zu ermöglichen.
- Die Reflexion des Zusammenspiels von lebenserhaltenden und -zerstörenden psychischen Triebkräften.
Literatur zur religionswissenschaftlichen und exegetischen Vertiefung
- Campbell, Joseph: Die Kraft der Mythen. Bilder der Seele im Leben des Menschen, Zürich 1989
- Drewermann, Eugen: Jesus von Nazareth. Befreiung zum Frieden, Düsseldorf 1998, Kap. I.2: Die Urgeschichte des Menschen und der biblische Mythos vom „Sündenfall“, S. 110-152
- Schmid, Konrad (Hg.): Schöpfung, Tübingen 2012
Die Generierung lebensnaher Korrelate aus den atl. Schöpfungsmythen im Vorfeld konkreter Reihenplanungen berührt unweigerlich die psychologische Frage nach der Entstehung religiös motivierter Gewalt. Versetzt man das Gespräch der Schlange mit der Frau im Garten Eden auf die „innere Bühne“ des eigenen Seelenlebens, ergeben sich substanzielle psycho- und soziotheologische Reflexionen über die Schöpfungserzählungen, die politische Überlegungen im Religionsunterricht sinnvoll vertiefen können.








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