Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Josef, der Mann im Hintergrund

Er ist eine der wichtigsten Gestalten der Advents- und Weihnachtszeit. Es gibt (fast) keine Krippendarstellung ohne Josef, den Mann im Hintergrund. Lohnt ein Blick auf ihn im Religionsunterricht? Und was lässt sich dabei lernen?

Als „Musterbeispiel“ der christlichen Demut bezeichnet ihn ein römisches Dokument aus dem Jahr 2013. Damals fügte die Gottesdienstkongregation des Vatikans den Namen Josefs neu in drei Versionen des eucharistischen Hochgebets ein. Von nun an soll er in nahezu jeder katholischen Eucharistiefeier gleich nach Maria, der Mutter Jesu, genannt werden. Eine außergewöhnliche Hervorhebung! Ein Schelm, wer denkt, dass sich Demut langfristig auszahlt.

Eine hintergründige Erinnerungsspur

Dabei ist über den historischen Josef wenig bekannt. Die Evangelien nennen ihn als den Vater Jesu (z. B. Lk 2,33; Joh 1,45). Dabei hinterlassen sie – wie der Stammbaum Jesu im Matthäusevangelium – eine bemerkenswerte Leerstelle: Josef war der „Mann Marias“, sie wiederum die Mutter Jesu (vgl. Mt 1,16), heißt es im Matthäusevangelium. Das Lukasevangelium betont: Jesus „galt“ nur „als Sohn Josefs“ (Lk 3,23) – Formulierungen, die das, was heute biologische Vaterschaft heißt, bewusst offen lassen.

So entsteht viel Raum für eine Erinnerungsspur voller Fantasie. Sie macht Josef rasch zu einem alten, gar sehr alten Mann. Das nicht in den biblischen Kanon aufgenommene „Protoevangelium des Jakobus“ aus der Mitte des 2. Jh. n. Chr. bezeichnet ihn bereits als Witwer, der die schwangere Maria nur in seine Obhut nimmt (hier findet ihr eine Textversion). Bis heute hält sich das Bild des greisen alten Mannes im Hintergrund der Geburtsszene in Krippendarstellungen. Als „Josefsehe“ bezeichnet man zuweilen eine Ehe, in der beide Partner auf den Geschlechtsverkehr verzichten. Übrigens sieht das katholische Eherecht, das eigentlich keine Ehescheidung kennt, für diesen Fall die Möglichkeit der Auflösung der Ehe ausdrücklich vor.

Die Geschichte des Gedächtnisses Josefs nimmt später eine andere Wendung. Doch bis dahin dauert es eineinhalb Jahrtausende. 1504 malt Raffael eine Darstellung der Hochzeit Marias mit einem bemerkenswert jungen und kraftvollen Josef. Der hat offenbar sogar einen Nebenbuhler ausgestochen. Ob den Renaissancekünstler die Rede von den Schwestern und Brüdern Jesu, die sich auch bereits in den Evangelien findet (vgl. z. B. Mk 3,31; Mk 6,3), dazu inspiriert hat? Gerade die katholische Kirche hält lange weiterhin ein anderes Bild Josefs lebendig. Er ist der stille Partner Marias. Gerecht und demütig, aufopferungsvoll und sexuell inaktiv steht er für ein Lebensmodell oft gegen den modernen Zeitgeist. 1870 ernennt ihn Papst Pius IX. zum Patron der (katholischen) Kirche.

Josef: ein Träumer!

Dabei erzählen die Evangelien von Josef vor allem eines: Er war ein Träumer! Darin hat er ein biblisches Vorbild (vgl. Gen 37,5 ff.). Gleich zweimal und an markanten Stellen spricht Gott selbst im Traum zu ihm (Mt 1,20–23; 2,13). Das ist im biblischen Kontext nichts Ungewöhnliches (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/39597/). Aber anders als das Träumen, das – etwa beim Philosophen Ernst Bloch – zu einem Ort des utopischen Ausbrechens aus der Enge der Gegenwart verstanden wird, ist Josef nicht einmal in seinen Träumen wirklich frei. Die göttlichen Botschaften greifen massiv in sein Leben ein. Welcher Kern hinter der literarischen Überformung steckt, wissen wir nicht. Aber kann man da von Josef lernen?

Im Unterricht?

Spannend für eure Lernenden könnte es sein, sich mit der Gedächtnisspur Josefs auseinanderzusetzen und Josefsbilder zu untersuchen. Welche Botschaft verbirgt sich in der Darstellung? Und was geschieht, wenn sich die Darstellung – wie bei Raffael – ändert?

Ihr könnt mit den Lernenden gemeinsam Josefsbilder recherchieren. Neben den älteren Bildern sind auch die Andachtsbilder des 19. Jahrhunderts, die die „Heilige Familie“ neu entdecken und als Gegenbild zur Moderne betonen, sehr spannend (vgl. z. B. für einen ersten Eindruck bereits die Bebilderung des Wikipedia-Artikels). In den höheren Klassen könnt ihr daran erarbeiten und problematisieren, wie sich Kirche und moderne Gesellschaft zueinander ins Verhältnis setzen. Und auch Familienbilder lassen sich so ausgezeichnet diskutieren!

Ihr könnt mit den Bildern aber auch kreativ werden – und die Josefsdarstellung digital oder, ganz „old school“ per Klebestift, durch andere (Männer-)Bilder ersetzen. Für eine analoge Gestaltung könnt ihr die Vorlage auf der Kopiervorlage am Ende des Blogbeitrags verwenden. Und dann gibt es jede Menge zu besprechen: Was ändert sich – und was bleibt? Was bedeuten die veränderten Darstellungen – und wo liegen ihre Grenzen? Und natürlich geht das in der Adventszeit auch mit dem kompletten Personal der Krippendarstellungen. Empfehlenswert dazu ist u. a. das „Das letzte Schaf“ von Ulrich Hub. Hier ist Jesus womöglich ein Mädchen!

Der Mann im Hintergrund lohnt deshalb einen Blick. Der darf ruhig kritisch sein: Gerade weil er im Hintergrund steht, ist er wirkungsvoll. Im Unterricht ist es spannend dahinterzukommen!

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Über den Autor

Prof. Dr. Markus Tomberg

Prof. Dr. Markus Tomberg ist katholischer Theologe. Er lehrt als ordentlicher Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda und ist Herausgeber der Lehrwerksreihen Leben gestalten N, Leben gestalten S und Leben gestalten Oberstufe.

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