Reli-Ethik-Blog
Religion, Ethik und Philosophie bei Klett

Philosophin des Monats: Susan Neiman

Die Philosophie Susan Neiman setzt sich in ihren Texten kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinander. Besonders interessiert sie sich für die Aufarbeitung dieser Zeit und bewertet diese aus ihrer Sicht als Amerikanerin und Jüdin.       

Dass sich die Verbrechen des Nationalsozialismus niemals wiederholen dürfen, ist unbestritten. In diesem Kontext wird immer wieder betont, wie wichtig die Aufarbeitung und Reflexion der Geschehnisse während dieser Zeit ist. Oft wird Deutschland dabei vorgeworfen, bei der Aufarbeitung der eigenen Geschichte hinterherzuhinken. Dies führe heute dazu, dass rechte Stimmen wieder lauter werden und auf weniger Widerstand in der Gesellschaft stoßen. Die Philosophin Susan Neiman wendet sich gegen diesen Vorwurf, indem sie die Aufarbeitungsarbeit verschiedener Länder miteinander vergleicht und dabei große Unterschiede feststellt.

Susan Neiman: als amerikanische Jüdin in Deutschland

Geboren wurde Susan Neiman am 27. März 1955 in Atlanta als Kind einer jüdischen Familie. Schon ihre Mutter setzte sich aktiv gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung ein, die zu dieser Zeit ein großes Problem in den Südstaaten darstellte. Auf diese Weise kam Neiman schon früh mit dem Thema „Rassismus“ in Berührung. Nachdem sie mit 14 Jahren die Schule abbrach, zog sie in eine Kommune, um dort gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Später holte sie in New York ihren Abschluss nach, um danach an der Harvard University Philosophie zu studieren. In ihrer Doktorarbeit, die von John Rawls betreut wurde, beschäftigte sie sich mit Kants Vernunftbegriff. Als Doktorandin zog es die Amerikanerin 1982 für mehr als sechs Jahre nach Westberlin, wo die Zeit des Zweiten Weltkrieges noch deutlich präsenter war als in Amerika. Da sie als Jüdin in Deutschland aber immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war, verließ sie Berlin 1988 vorerst wieder. Im Jahr 2000 kehrte sie nach ihren Professuren in Yale und Tel Aviv schließlich zurück, um den Posten der Direktorin am Einstein Forum in Potsdam zu übernehmen.

Das Böse in der Welt

In ihren Texten beschäftigt sich Susan Neiman vor allem mit dem Bösen in der Welt des 20. Jahrhunderts. Die Frage nach dem Bösen ist für Neiman eine philosophische Frage. Existenzielle Krisen und der Umgang damit sind für sie Anhaltspunkte dafür, wie Menschen mit diesem Bösen in der Welt umgehen.

Während ihrer Zeit in Berlin konnte Neiman miterleben, auf welche Weise Deutschland sich mit dem Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandersetzte. Im Vergleich zu ihrem Heimatland Amerika stellte sie dabei große Unterschiede fest, wie die beiden Länder mit Krisensituationen und deren Bewältigung umgehen. Ihre Beobachtungen fasst sie in ihrem Buch „Learning from the Germans: Race and the Memory of Evil“ (dt: „Von den Deutschen lernen. Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können“) 2019 zusammen. Von diesen Beobachtungen ausgehend stellt sie die These auf, dass Deutschland in seiner Aufarbeitungstätigkeit bereits Fortschritte gemacht habe, auf die man in anderen Ländern noch wartet. Dies liege vor allem daran, das nationale Selbstkritik in Deutschland einen höheren Stellenwert habe und auch durch die Regierung selbst immer wieder thematisiert würde.

Im Hinblick auf die Vorfälle in Hanau und Halle mag dieser Ansatz zunächst abschreckend wirken. Allerdings geht es Neiman nicht darum, Rassismus in Deutschland kleinzureden. Im Gegenteil, auch für sie ist dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen. Vielmehr möchte sie aufzeigen, wie die Aufarbeitung und Selbstreflexion der eigenen Geschichte dazu führen kann, dass Staaten immer liberaler und freier gestaltet werden. Genau das wird ihrer Meinung nach im Ansatz am Beispiel der deutschen Geschichte deutlich.

Kostenlos zum Download

18 Personen haben sich für diesen Beitrag bedankt.
Danke!

Über die Autorin

Miriam Dalege

Ich bin im Ernst Klett Verlag als Werkstudentin in der Redaktion Religion/Ethik tätig und studiere parallel dazu Kommunikationswissenschaft und Philosophie im Master.

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und verstanden.

Nach oben