Jürgen Habermas wurde am 18. Juni 1929 geboren. Er wuchs in einem bürgerlichen Elternhaus auf und legte im Jahr 1949 sein Abitur in Gummersbach ab. Im Anschluss nahm er sein Studium an verschiedenen Hochschulen auf und schloss es in Bonn ab. Erste Bekanntheit erlangte er 1953, als er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Martin Heidegger scharf für eine vom Nationalsozialismus geprägte Wortwahl kritisierte. Auch nach dem Studium arbeitete Habermas als Journalist für verschiedene Zeitungen. 1956 erhielt er schließlich ein Stipendium für das Institut für Sozialforschung in Frankfurt und kehrte in den Hochschulbetrieb zurück. 1961 konnte er sich in Marburg habilitieren und erhielt anschließend eine außerordentliche Professur in Heidelberg. Es folgte die erste Professur für Philosophie und Soziologie in Frankfurt. Anschließend war er rund zehn Jahre am Starnberger Max-Planck-Institut tätig und lehrte und forschte danach bis zu seiner Emeritierung wieder in Frankfurt. Die Forschungsbereiche von Jürgen Habermas waren vielfältig und durch seine zwei Fachgebiete, Philosophie und Soziologie, geprägt.
Die Frankfurter Schule und die Kritische Theorie
Die Frankfurter Schule war eine Gruppe intellektueller Persönlichkeiten aus verschiedenen Fachrichtungen, die sich seit den 1930er-Jahren rund um das Institut für Sozialforschung in Frankfurt zusammengeschlossen hatten. Sie waren inspiriert durch Hegel, Marx und Freud und untersuchten die Gesellschaft hinsichtlich bestehender Herrschaftsmechanismen. Durch die Kritische Theorie wollten die Vertreter aufzeigen, warum es gesellschaftliche Veränderungen brauche. Sie entwickelten eine Sozialphilosophie im Sinne der Aufklärung, die eine freie Gesellschaft zum obersten Ziel ausrief. Jürgen Habermas zählt zur zweiten Generation der Frankfurter Schule, der diese Kritische Theorie weiterentwickelte. Er distanzierte sich vom Vernunftbegriff seiner Vorgänger und propagierte eine Rationalität, die im sprachlichen Austausch entsteht. Deutlich wird dieser Gedanke in seiner Diskurstheorie, die sich in eine praktische Diskurstheorie (Diskursethik) und eine theoretische Diskurstheorie unterscheiden lässt. Für den Ethikunterricht ist insbesondere die praktische Diskurstheorie relevant.
Die Diskursethik
Die Diskursethik geht von der Grundannahme aus, dass ein Dialog mit dem Austausch von Argumenten Ausgangspunkt der moralischen Entscheidungsfindung ist. Damit dieser Dialog gelingt, muss er herrschaftsfrei vonstattengehen. Habermas ist sich bewusst, dass ein herrschaftsfreier Diskurs faktisch nicht zu erreichen ist, da in jeder Situation einer der Gesprächspartner in irgendeiner Art und Weise überlegen ist. Diese Überlegenheit kann zum Beispiel rhetorisch sein oder aus einer höheren Bildung resultieren. Es braucht folglich Regeln, damit alle entsprechend am Diskurs partizipieren können.
Wie sollen diese Regeln aussehen?
Am Ende des Beitrags könnt ihr euch eine Kopiervorlage zur Diskursethik herunterladen, mit deren Hilfe ihr die Regeln konkret im Unterricht erarbeiten könnt.
Krieg und Empörung
Um sich Habermas im Unterricht ganz praktisch und konkret anzunähern, bietet sich eine Auseinandersetzung mit seinem Gastbeitrag „Krieg und Empörung“ vom 29.04.2022 aus der Süddeutschen Zeitung an. Der Beitrag führte zu einem medialen Echo mit vielen kritischen Stimmen. Für den Unterricht sollten einzelne Aspekte des Beitrages herausgenommen werden. Insbesondere bietet sich Habermas‘ Kritik an der „schrillen“ Meinungsbildung durch die Presse an. Die Lernenden können sich auf der Grundlage der Diskursethik mit dieser Kritik auseinandersetzen und eine Antwort auf die Frage suchen, wie und in welcher Form Presse und Medien zu einem idealen Diskurs beitragen können.
Ich wünsche euch und euren Lernenden spannende Gespräche über einen streitbaren Philosophen unserer Zeit.


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