Ihre feministischen Ansätze, für die sie von einigen stark kritisiert wurde, machten Élisabeth Badinter zu einer der bedeutendsten Philosophinnen unserer Zeit. In diesem Monat feiert die Französin ihren 79. Geburtstag.
Am 27.4. ist wieder Girl’s Day, der Tag, an dem Mädchen in „männliche Berufe“ hineinschnuppern können. Er ist zusammen mit dem Equal Pay Day und dem Internationalen Frauentag im März ein Termin, an dem an die immer noch fehlende Gleichberechtigung von Männern und Frauen erinnert wird. Unter anderem machen diese Tage auf die patriarchalen Strukturen und festgefahrenen Rollenbilder aufmerksam, die in den meisten Gesellschaftssystemen vorherrschen. Diese haben zur Folge, dass Frauen oft schlechter bezahlt werden oder geringere Chancen auf einen Führungsposten haben. Die französische Philosophin Élisabeth Badinter beschäftigt sich schon lange mit der gesellschaftlichen Frauenrolle und kritisiert diese an vielen Stellen. Dabei interessiert sie sich vor allem für die Mutterrolle und spricht sich vehement gegen eine Idealisierung und Reduzierung der Frau auf diese Rolle aus.
Élisabeth Badinter: Die Feministin aus reichem Elternhaus
Élisabeth Badinter wurde am 5. März 1944 in einem Vorort von Paris geboren. Ihr Vater Marcel Bleustein-Blanchet war der Gründer einer international tätigen Werbe- und Kommunikationsfirma, weshalb die Familie in wohlhabenden Verhältnissen lebte. Für diese gesellschaftliche Position wurde sie später kritisiert, da viele darin einen Widerspruch zu ihren aktivistischen und feministischen Aktivitäten sahen. Badinter studierte Philosophie und Soziologie an der Sorbonne in Paris und schloss ihre Hochschulausbildung mit der Promotion in Philosophie ab. Im Anschluss daran begann sie 1973 mit der Lehre an der École Polytechnique in Paris. Bereits mit 22 Jahren heiratete sie den französischen Politiker Robert Badinter, der während seiner Amtszeit als Justizminister die Todesstrafe in Frankreich abschaffte. Das Paar hat drei gemeinsame Kinder, die Élisabeth Badinter bereits während ihres Studiums bekam. Die Erfahrung, verschiedene Frauenrollen gleichzeitig erfüllen zu müssen, prägten die Philosophin in ihrem Denken. Neben ihrer akademischen Tätigkeit sitzt Élisabeth Badinter seit 1996 im Aufsichtsrat der Firma ihres Vaters und erbte nach seinem Tod mehrere Anteile.
Der Mutterinstinkt als Mythos
Élisabeth Badinter kam schon früh mit feministischen Theorien in Berührung und wurde unter anderem von den Arbeiten Simone de Beauvoirs stark beeinflusst. In ihren Texten plädiert sie für eine uneingeschränkte Gleichstellung von Männern und Frauen in der Gesellschaft und lehnt jede Form der Unterdrückung ab. Dabei vertritt sie in Bezug auf den Feminismus einen universalistischen Ansatz, der bis heute in der Kritik steht. Viele sehen in dem Ansatz ein theoretisches Konstrukt, welches auf jede Frau übertragen wird, ohne dabei die Unterschiede zwischen den kulturellen Hintergründen und Lebenssituationen der Frauen miteinzubeziehen.
Bekannt wurde Élisabeth Badinter für ihren Text „L’amour en plus“ (dt.: „Mutterliebe“) von 1980, in dem sie sich gegen die Vorstellung eines angeborenen Mutterinstinktes ausspricht. Damit richtet sie sich gegen ein Frauenbild, welches Mütter auf eben diese Rolle reduziert und sie dadurch in ihrer Selbstbestimmung einschränkt. In ihrer Argumentation folgt sie einem historischen Ansatz, indem sie aufzeigt, dass seit dem 17. Jahrhundert die meisten Frauen nicht nur Mütter waren, sondern parallel dazu auch anderen Tätigkeiten nachgingen und arbeiteten. Das Ideal der perfekten Mutter ist für Badinter ein Mythos, welcher von keiner Mutter vollständig erfüllt werden kann und auch nicht sollte. Vielmehr fordert sie Frauen auf, sich auch als Mutter nicht hintenanzustellen und die eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen. In ihrem neusten Titel „Macht und Ohnmacht einer Mutter. Kaiserin Maria Theresia und ihre Kinder“, welcher Anfang des Jahres auf Deutsch erschienen ist, vertieft sie diesen Gedanken weiter.
Élisabeth Badinter beschäftigt sich von Beginn ihrer Karriere an mit kontroversen Themen und kann durchaus für einige ihrer Positionen kritisiert werden. Ihre Gedanken zur Mutterrolle und den damit verbundenen gesellschaftlichen Ansprüchen an die Frau können dagegen neue Denkanstöße geben, diese zu hinterfragen. Die Ablehnung eines Mutter-Ideals kann dazu führen, dass Frauen sich weniger eingeschränkt fühlen und dadurch entlastet werden.


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