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Philosophin des Monats: Christina Thürmer-Rohr

Christina Thürmer-Rohr zählt zu den einflussreichsten feministischen Theoretikerinnen in Deutschland und sorgt mit ihren theoretischen Ansätzen für neue Blickwinkel innerhalb der Debatte. Im November 2022 wird sie 86 Jahre alt.

Für die einen ist sie eine Pionierin innerhalb der Frauenbewegung, für die anderen sind ihre theoretischen Ansätze ein Verrat am Feminismus selbst: Christina Thürmer-Rohr polarisiert mit ihren Ansichten. Dabei plädiert sie stets für einen möglichst offenen Dialog darüber, wie das Leben von Frauen in einer modernen Welt aussehen könnte. Es geht ihr vor allem darum, die Solidarität von Frauen untereinander im Kampf gegen patriarchale Strukturen zu stärken.

Christina Thürmer-Rohr: Eine Kindheit ohne Vater

Christina Thürmer-Rohr wurde am 17. November 1936 in Arnswalde als eine von zwei Töchtern der Familie Rohr geboren. Ihr Vater meldete sich während des Zweiten Weltkriegs freiwillig zur Wehrmacht. In seinen Briefen an die Familie wurde stets seine bejahende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus deutlich. Je älter Thürmer-Rohr wurde, desto entsetzter war sie von den Ansichten ihres Vaters und sie wendete sich später komplett von ihm ab. Nachdem dieser 1941 in Russland gefallen war, siedelte seine verwitwete Frau mit den beiden Töchtern zuerst nach Oetinghausen und 1945 nach Bielefeld um. Ihre Erfahrungen an diesem Ort nahe der Krankenanstalt Bethel beeinflussten Christina Thürmer-Rohr nachhaltig: Zum einen hatte sie jeden Tag die blutigen Folgen des Zweiten Weltkrieges vor Augen, zum anderen musste sie mitbekommen, wie ihre Mutter als Witwe diskriminiert und ausgeschlossen wurde. Schon früh flüchtete sie sich in die Musik, bekam Klavier- und Orgelunterricht und ist bis heute leidenschaftliche Pianisten und Musikerin. Nach ihrem Abitur studierte Thürmer-Rohr in Freiburg zunächst Germanistik und Romanistik, anschließend Psychologie und Philosophie. Sie wurde 1972 Professorin an der Pädagogischen Hochschule Berlin, wo sie den Studienschwerpunkt Frauenforschung gründete. Während ihrer Zeit als Professorin wurde sie auch politisch aktiv und schloss sich rebellischen Studentenbewegungen an, die sich unter anderem gegen die Verwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen für Kriegszwecke einsetzten.

Die Skandalthese von der „Mittäterschaft der Frauen“

Vorrangig bekannt geworden ist Christina Thürmer-Rohr für ihre feministische Arbeit, der sie sich sowohl aktivistisch als auch in ihrer Forschung widmete. Ihre theoretischen Ansätze, die sie erstmals in ihrem Werk „Vagabundinnen. Feministische Essays“ (1987) formulierte, polarisierten innerhalb des Feminismus. Beeinflusst wurde sie vor allem von der Idee des französischen Existenzialismus, der zufolge der Entwurf des eigenen Individuums einer radikalen Freiheit unterliegt. Dies beinhaltet auch die Unabhängigkeit von jeglichen Prägungen durch die Gesellschaft und die Fähigkeit zum selbstständigen Handeln. Am Beispiel des Feminismus würden diese Forderungen besonders deutlich: Auf der einen Seite würden die Gesellschaftsstrukturen aufgezeigt, die das Leben der Frauen bestimmten. Auf der anderen Seite zeige sich im feministischen Aktivismus der Wunsch, aktiv etwas an den bestehenden Verhältnissen zu verändern. Voraussetzung für eine solche Veränderung sei aber, dass die Frauen sich aus ihrer Rolle als Opfer befreiten und zu aktiv Handelnden würden.

Vor diesem Hintergrund entwickelte Thürmer-Rohr ihre These der „Mittäterschaft von Frauen“, die auch in ihrem Buch „Mittäterschaft und Entdeckungslust“ (1989) im Zentrum steht. Demnach haben Frauen eine Mitschuld an der Aufrechterhaltung patriarchalen Strukturen, wenn sie diese durch das eigene Verhalten reproduzierten und sich zu Werkzeugen dieses Systems machen ließen. An der untergeordneten Position der Frau könne sich aber nur etwas ändern, wenn Frauen sich als aktiv handelnde Subjekte begriffen und nicht in der passiven Opferrolle verblieben – sofern ihnen dies möglich sei: Frauen, die gewaltsam unterdrückt oder misshandelt werden, sind Thürmer-Rohr zufolge in ihrer Freiheit, sich dagegen zu wehren, eingeschränkt.

Für viele war die These der „Mittäterschaft der Frauen“ ein Skandal, da sie statt den offensichtlich als Täter feststehenden Männern auch den Frauen eine Schuld an ihrer Unterdrückung zuschreiben würde. Christina Thürmer-Rohr dagegen sieht in dem Begriff der „Mittäterschaft“ keinen persönlichen Angriff, sondern eine gesellschaftsanalytische Kategorie, um die Strukturen im Umgang von Frauen miteinander aufzudecken und dann eliminieren zu können. Daher müsse sich niemand persönlich angegriffen fühlen.

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Über die Autorin

Miriam Dalege

Ich bin im Ernst Klett Verlag als Werkstudentin in der Redaktion Religion/Ethik tätig und studiere parallel dazu Kommunikationswissenschaft und Philosophie im Master.

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